Didier Sornette sieht, das ist leider sein Beruf, überall Risiken. Chinas weltpolitischer Aufstieg: "Birgt die Gefahr eines neuen Krieges." Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa: "Soziales Dynamit". Die aufgeblähten Bilanzen der Zentralbanken: "Die größte Blase überhaupt". Ganz zu schweigen vom größten vorstellbaren Monsterrisiko überhaupt: dem Finanzmarkt, mit seinen Blasen, Übertreibungen und Abstürzen.  

Sornette, 56 Jahre alt, Physiker, sagt, dass all diese Risiken niemals verschwinden werden. Aber dass man ja wenigstens versuchen kann, sie zu kontrollieren. Er will beweisen, dass nichts im Leben "aus heiterem Himmel kommt". Selbst Finanzkrisen nicht.

Zürich, ein heißer Tag im Juli. Sornette sitzt an einem Arbeitstisch in seinem Büro, von dem man auf die Stadt und den glänzenden Zürichsee schaut. Ein großer Mann in kurzen Hosen, eine runde Brille, ähnlich wie sie früher Bill Gates trug, ein Englisch mit französischem Akzent, das immer etwas aufgeregt klingt. Einer, der den Eindruck erweckt, dass er erst mal alles interessant findet, egal was.   

Es ist der Tag, an dem seine Mitarbeiter am "Financial Crisis Oberservatory" den Computer mit neuen Daten gefüttert haben: Brutus, das Rechenzentrum der ETH Zürich, einer der schnellsten Computer der Welt. Die Maschine scannt die Entwicklung von 20.000 Aktien, Derivaten und Indizes weltweit. Der Computer sucht nach Mustern, nach Übertreibungen nach oben, auf denen oft der Absturz folgt. Kurzum: Nach dem Stoff für die nächste große Krise.  

Das ist jetzt Sornettes Ziel: Die Welt vor dem nächsten Crash zu warnen.  

Er glaubt seit Langem, dass der Finanzmarkt von seinem Wesen ähnlich funktioniert, wie physikalische oder biologische Systeme. Ähnlich wie sich bewegende Gesteinsplatten, durch die Erdbeben entstehen, oder Krankheiten, die plötzlich ausbrechen, gibt es auch auf dem Finanzmarkt ständig ein Risiko, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Erst Recht im Moment, da die Zentralbanken die Märkte mit billigem Geld fluten und die Investoren händeringend nach Abnehmern für ihr Geld suchen. Es gibt viele Ökonomen, die darin eine große Gefahr sehen. Die davor warnen, dass durch die "Geldschwemme" an den Finanzmärkten eine neue Blase entsteht, die das Finanzsystem wieder ins Chaos stürzt. Sornette will diese Blase finden.

Er malt eine Kurve aufs Papier und erklärt, wie er den Übertreibungen auf die Schliche kommen will. "Jede Finanzblase entwickelt sich aus einer Phase der Stabilität hin zu einem instabilen Zustand", sagt er. In einer Phase des Überschwangs steigen die Preise, erst langsam, dann exponentiell. Die Investoren bestärken sich gegenseitig, der Preisauftrieb gibt ihnen Recht. Irgendwann kommen Zweifel auf, der Kurs beginnt zu flattern. Dann steigt die Gefahr, dass der Absturz kommt, dass die Blase platzt.

Er warnte früher als andere vor der Krise

Und dann? Dann kann es sein, dass einfach nur ein paar Leute Geld verlieren. Oder aber der Absturz bringt auch andere Märkte zu Fall. Panik bricht aus. Banken gehen pleite. Die Wirtschaftsleistung bricht ein, Hunderttausende verlieren ihre Arbeit, das ganze System gerät in Gefahr. Noch wissen Ökonomen zu wenig darüber, wann Blasen großen Schaden anrichten – und wann nicht. Umso mehr komme es darauf an, das Risiko zu kennen und die Politik rechtzeitig zu warnen. "Die Situation ist vergleichbar mit jener der Zigarettenindustrie vor dreißig Jahren", sagt Sornette. Auch damals dauerte es Jahrzehnte bis die Forschung die Politik überzeugt hatte, dass es strengere Nichtrauchergesetze braucht.

Wenige Tage nach dem Gespräch wird der Hochleistungscomputer neue Warnungen ausspucken. Es sind die ersten Ergebnisse nach Wochen, in denen Sornettes Mitarbeiter das System überarbeitet haben: Übertreibungen an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq. Außerdem eine Blase auf dem Aktienmarkt in Malaysia. Der Index Russell 2000 in New York gilt der Maschine ebenfalls als überbewertet. Dazu einige Warnungen aus der Biotech-Branche, in die gerade Milliarden aus aller Welt fließen. An allen diesen Märkten geht es gerade steil bergauf, und zwar so steil, dass der Algorithmus Alarm schlägt.