Sorgfältig packt Markus Frenzel einen Akku und ein Netzteil in den kleinen Karton, legt zum Schutz Plastikdämpfer dazwischen und klappt den Deckel behutsam zu. Rund 30 Mal am Tag macht er das, es ist sein Job. Der "Mann der 1001 Kisten" wird er deswegen von seinen Kollegen genannt. "Manchmal ist es anstrengend", sagt der 37-Jährige, "aber arbeitslos will keiner sein".

Frenzel hat einen besonderen Arbeitsplatz. Durch eine Adermissbildung im Gehirn ist er geistig eingeschränkt. Zu viel Stress kann er nicht ertragen. Dennoch hat ihn die Firma AfB social & green IT in Ettlingen bei Karlsruhe eingestellt. AfB steht für "Arbeit für Menschen mit Behinderung", hier kann Frenzel in seinem eigenen Tempo arbeiten. Wenn es zu viel wird, greifen ihm andere Mitarbeiter unter die Arme. "Ich kenne keine andere Firma wie diese", sagt Frenzel.

Die Zahl der schwer behinderten Beschäftigten ist in Deutschland zwar von 2005 bis 2010 um 17 Prozent gestiegen. Aber es gibt nur wenige Unternehmen, die genauso viele Menschen mit wie ohne Handicap beschäftigen. AfB ist eines davon: Jeder zweite der 160 Angestellten hat eine Behinderung. Dazu zählen körperliche Einschränkungen, im Büro sind viele Mitarbeiter an den Rollstuhl gefesselt, aber auch geistige Behinderungen und psychische Krankheiten wie Depressionen.

Die Arbeit wird passend gemacht

"Wir schließen keine Art von Behinderung aus", sagt AfB-Sozialarbeiter Milan Ringwald. Er ist dafür verantwortlich, dass sich jeder Mitarbeiter mit seiner Aufgabe wohlfühlt. Dazu gehört es, den Arbeitsalltag jedes Einzelnen an seine Bedürfnisse anzupassen. Bei Markus Frenzel bedeutet das, ihn in seinem eigenen Rhythmus arbeiten zu lassen. Viele andere Arbeiten im IT-Bereich erfordern hohe Präzision, sind aber sehr monoton – zum Beispiel die Datenlöschung. Die Monotonie gibt Menschen mit bestimmten psychischen Problemen Sicherheit.

AfB will aber nicht nur sozial verantwortlich wirtschaften, sondern auch ökologisch sinnvolle Arbeit leisten – beides steckt im Firmennamen. "Grün" ist die Firma, weil sie gebrauchte IT-Hardware aufbereitet und wieder verwertet. Unternehmen aus ganz Deutschland und Österreich überlassen AfB alte Computer, Drucker und Kleinelektronik, anstatt sie beim Schrottplatz abzuliefern. AfB-Mitarbeiter holen die Ware ab und entscheiden, was sie aussortieren und was sie aufbereiten. Was recycelt wird, landet am Ende in den AfB-Shops oder im Onlineversand. Dort können Kunden die Geräte dann relativ günstig kaufen.

Paul Cvilak ist Gründer und Geschäftsführer von AfB, ein hochgewachsener blonder Mann mit Furchen zwischen den Augenbrauen und pfälzischem Dialekt. Eigentlich habe er eine "schnubbelige" Firma mit fünf, sechs Mitarbeitern gewollt, erzählt der 55-Jährige, während er die Betontreppe im verglasten Bürogebäude der Firmenzentrale in Ettlingen hochsteigt. An den Wänden im Konferenzraum hängen eingerahmte Auszeichnungen, in einer Vitrine steht der Deutsche Nachhaltigkeitspreis vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, den AfB 2012 erhalten hat. "Viele denken, wir wären ein paar langhaarige Typen irgendwo im Hinterhof", sagt Cvilak. "Aber hier kommen Manager von DAX-Konzernen hin, deshalb muss das Büro repräsentativ sein."

Schon vor der Gründung von AfB 2004 arbeitete Cvilak im IT-Bereich. Er lernte ein Unternehmen kennen, das Hardware recycelte und sie nach Osteuropa verkaufte. "Da dachte ich: Das muss es auch innerhalb Deutschlands geben." Er nahm Kontakt zu Behindertenwerkstätten auf und testete seine Idee. "Mir war schnell klar, dass man gerade im IT-Bereich behinderte Menschen hervorragend einbinden kann", sagt Cvilak.

Zuschüsse vom Staat, Hardware von Konzernen

Dabei profitiert AfB auch von staatlichen Fördermaßnahmen, die helfen sollen, das große Potenzial von Menschen mit Handicap zu nutzen. So zahlt der Bund unter anderem für Beschäftigte mit Schwerbehinderung Eingliederungszuschüsse von bis zu 70 Prozent des Lohns. Bei AfB social & green IT betragen die Zuschüsse zum Gehalt im Schnitt 30 Prozent.

Cvilaks Konzept ging auf: Die "schnubbelige" Firma wuchs rasant. Im Jahr 2012 lag der Umsatz der Firma mit 6,3 Millionen Euro fast viermal so hoch wie noch 2010. Ein knappes Jahrzehnt nach dem Start hat AfB zehn Standorte, neun in deutschen Städten und einen in Wien; in diesem Jahr sollen zwei weitere dazukommen. Wenn die Auftragslage sich weiter gut entwickelt, hofft Cvilak, in zwei bis drei Jahren sein großes Ziel zu erreichen: "Wir möchten 500 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen."

Dabei helfen ihm die Partner, die der gemeinnützigen GmbH ihre alte Hardware überlassen. Dazu zählen Unternehmen wie RWE, die Metro Group und McDonalds. Die Zusammenarbeit mit ihnen beschreibt Cvilak als "Win-Win-Geschäft". AfB gewinnt Aufträge, die Firmen können ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden.  Dabei sieht sich Cvilak gar nicht als Sozialunternehmer. "Dieses gespielte Gutmenschentum ist nicht mein Ding", sagt er. Sein Credo: Nur mit einem guten Geschäftsmodell kann man auch wirklich Gutes tun.