ZEIT ONLINE: Herr Schäuble, mal ehrlich: Die Euro-Krise dauert nun schon mehr als drei Jahre. Hätten Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen sollen?

Wolfgang Schäuble: Wenn man sich anschaut, wie die Schlagzeilen und Geschichten in den Medien vor drei Jahren lauteten und was wir bis jetzt geschafft haben, könnte man vielleicht eher die Frage stellen: Hätten Sie gedacht, dass Deutschland die Euro-Krise so gut übersteht?

Es ist manchmal wirklich schwierig, den Bürgern zu erklären, was wir genau tun und getan haben, um unsere gemeinsame Währung zu stabilisieren. Auch wir mussten uns in den vergangenen Jahren immer Stück für Stück vorwärts tasten. Aber wir haben zu jedem Zeitpunkt mit bestem Wissen und Gewissen versucht, die Dinge so richtig zu machen wie möglich und auch wahrheitsgemäß und realistisch darzustellen.

ZEIT ONLINE: Also alles nur ein Kommunikationsproblem? Oder waren es politische Entscheidungen und das harte Spardiktat, das die Krise in Griechenland zu einem Flächenbrand in Europa gemacht hat?

Schäuble: Nein, das halte ich für falsch. Die sogenannte Euro-Krise ist ja in Wahrheit keine Krise der gemeinsamen Währung, sondern eine Vertrauenskrise der Finanzmärkte in einzelne Mitgliedsstaaten der Eurozone. Die Finanzmärkte glaubten nicht mehr daran, dass diese Länder ihre Probleme alleine in den Griff bekommen würden. Um die Krise zu lösen, mussten wir das gemeinsame Regelwerk in der Finanzpolitik verbessern, die Wirtschaftspolitiken der Euro-Staaten noch besser koordinieren, die Defizite reduzieren und die Probleme bei der Wettbewerbsfähigkeit angehen.

Deswegen mussten wir auch darauf bestehen, dass die Krisenländer ihre Probleme lösen. Damit sie die Zeit dafür haben, geben wir ihnen Kredite über die Rettungsschirme, aber diese Hilfe ist mit harten Auflagen verbunden. Und wir sehen ja, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In Griechenland hat beispielsweise im vergangenen Jahr kaum jemand aus Deutschland Urlaub gemacht, weil das Preis-Leistungsverhältnis in der Türkei viel günstiger war.

ZEIT ONLINE: Aber jetzt fahren wir wieder.

Schäuble: Ja, genau. Weil Griechenland unter anderem seine Lohnkosten um 13 Prozent gesenkt hat. Natürlich, die Griechen leiden, das bestreite ich gar nicht. Weniger die Eliten, die Griechenland in den Schlamassel gebracht haben, als vielmehr das einfache Volk. Sanieren ist immer unbequem. Je länger nichts getan wurde, umso schlimmer. Aber es funktioniert: Wir sind in allen Euro-Staaten auf einem guten Weg, auch in den Programmländern.

ZEIT ONLINE: Nimmt die Politik mit dem harten Sparkurs billigend in Kauf, dass in Südeuropa eine ganze Generation ihrer Zukunft beraubt wird?

Schäuble: Die Ursachen der Probleme liegen in den Ländern und den falschen Entscheidungen in der Vergangenheit, nicht im Sparkurs. Die erhöhten Anforderungen an die Wettbewerbsfähigkeit durch eine gemeinsame Währung und der unglaubliche Druck durch die Globalisierung auf die Lohn- und Produktionskosten ist leider nicht überall ernst genommen worden. Aber jetzt werden die notwendigen Reformen nachgeholt. Um die Zwischenzeit zu überbrücken, gibt es die Rettungsschirme. Und direkt für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit stellt die EU sechs Milliarden bereit, dazu gibt es bilaterale Programme.

ZEIT ONLINE: Damit werden Sie kaum die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa in den Griff bekommen.

Schäuble: Indem sich die Staaten wettbewerbsfähiger aufstellen, werden sie ihren Bürgern Jobs und Wachstum bieten können. Wir gehen an die Wurzel und nicht nur an die Symptome. Im Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit hilft es nicht, einfach nur mehr Geld auszugeben. Das würde die Situation nur noch verschärfen, weil die Staaten noch mehr Schulden machen. Deswegen tun wir das nicht.

Nehmen Sie Spanien. Viele junge Menschen haben dort auf dem Bau gearbeitet. Nachdem die Immobilienblase geplatzt ist, sind auch die Jobs weggebrochen – und zwar für immer. Diese jungen Leute sind zu einem erheblichen Teil nicht ausreichend qualifiziert und zum Teil nicht bereit, ihre ländliche Heimat zu verlassen. Es ist nicht einfach, für diese Menschen neue Arbeitsplätze zu schaffen.