Viele Menschen in Griechenland hatten darauf gesetzt, dass die deutsche Kanzlerin endlich die Quittung bekommt. Für eine Politik, die den Süden Europas in die Armut treibe; für ihre Unnachgiebigkeit und Strenge; die Wähler in Deutschland müssten doch einsehen, dass Angela Merkels Rezepte für Europa fatal seien. Es kam anders.

Geradezu schockiert reagierten zunächst die meisten Medien in Griechenland auf den Sieg der Kanzlerin. "Die Deutschen haben ein großes Ja zur Herrschaft ihre Landes über Europa ausgesprochen", kommentierte etwa die Zeitung To Vima. Doch die Journalisten ließen sich von dem triumphalen Ergebnis für die Union blenden: Sie übersahen, dass die Kanzlerin einen neuen Koalitionspartner braucht, und dieser nur aus dem Lager der bisherigen Opposition kommen kann.

Nach genauerer Analyse des Wahlausgangs keimt nun die Hoffnung auf, dass Merkel ihren strengen Reformkurs für Europa abschwächen muss, wenn sie in eine Große Koalition mit den Sozialdemokraten eintritt. Die Menschen in Griechenland knüpfen dies bereits an konkrete Forderungen und haben erneut zu einem zweitägigen Generalstreik aufgerufen.

Sicher, die Proteste gegen Massenentlassungen im öffentlichen Sektor waren schon vor der Wahl in Deutschland geplant. Nun aber bekommen sie neuen Zulauf, die Gewerkschaften verlangen umso vehementer, das "völlig gnadenlose Vorhaben" der internationalen Geldgeber und der Athener Regierung zurückzunehmen.         

Griechischer Realismus

Die Regierung hat als Gegenleistung für die Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds vereinbart, bis Ende 2014 in Griechenland 15.000 Staatsbedienstete zu entlassen, davon 4.000 noch in diesem Jahr. Die Beamten reagieren auf diese Pläne seit Monaten mit Streiks. Auch in diesen Tagen bleiben Ministerien, Steuerämter, Stadtverwaltungen und Schulen geschlossen. Angestellte der Renten- und Krankenkassen streiken ebenfalls, die Ärzte in staatlichen Krankenhäusern behandeln nur Notfälle.

Trotz der großen Hoffnungen auf eine neue Regierung in Deutschland mischt sich auch Realismus unter die Meinungen. "Kein sozialdemokratischer Minister wird Griechenland sagen: spart weniger und nehmt auch noch Geld von uns ohne Gegenleistungen", kommentiert die Zeitung Kathimerini. Eine Große Koalition in Berlin werde viele in Griechenland schnell daran erinnern, dass das Dogma der Wirtschaftspolitik in Europa gleich bleibe: Sparmaßnahmen und Arbeitsmarktreformen. 

Dennoch nutze Merkels Sieg der Regierung in Athen, urteilt die Zeitung weiter. Auch wenn ein neuer Koalitionspartner in Berlin hinzukomme, werde dies nicht das Bekenntnis der Kanzlerin zur Währungsunion aufheben, vielmehr werde sich eine Große Koalition noch stärker für den Erhalt des Euro einsetzen. Das werde das Vertrauen an den Kapitalmärkten in eine Stabilisierung Griechenlands mehren, sodass sich das Land nach dem Ende des Hilfsprogramms wieder selbst finanzieren könne.