Lange hält es Detlef Wetzel nicht aus. Mit entschuldigendem Blick zündet er sich eine Zigarette an. Hier oben, im 15. Stock des gläsernen IG-Metall-Hauses, hat er vor sechs Jahren das Rauchen wieder angefangen. Damals wählte ihn die Gewerkschaft zu ihrem zweiten Vorsitzenden. Wetzel sagt heute, dass er sich damals so sehr vor dem Büro gruselte, dass er vor der Entscheidung stand: Springen oder Rauchen. Springen ging nicht, geht bis heute nicht, die riesigen Fenster lassen sich nur kippen. Also wählte Wetzel das Rauchen. "Zwei Jahre habe ich nicht geraucht", sagt er. Es klingt nicht so, als ob er das bald noch mal probieren würde.

An diesem Montagnachmittag hat der Vorstand Wetzel als ihren neuen ersten Vorsitzenden vorgeschlagen, als Nachfolger für den langjährigen Chef Berthold Huber. Wenn ihn die Delegierten Ende November auf dem außerordentlichen Gewerkschaftstag wählen –  und davon ist auszugehen – dann wird er schon bald an der Spitze der größten europäischen Gewerkschaft stehen: der IG Metall mit ihren 2,4 Millionen Mitgliedern. Er wird dann ganz oben im Turm der IG Metall bleiben müssen.

Dabei hat es ihn in Wahrheit nie an die Spitze gedrängt. Wetzel ist ein Mann, der nicht gerne redet, schon gar nicht öffentlich. Der womöglich sein Leben lang in der Kleinstadt geblieben wäre, wenn die IG Metall ihn nicht nach Frankfurt in die Zentrale geholt hätte.

Wetzel ist in Siegen geboren, als Sohn eines Hufschmieds und einer Fabrikarbeiterin, dort aufgewachsen und lange dort geblieben. In der Nähe machte er seine Lehre, hat später hier studiert. Er war 24 Jahre bei der IG Metall in Siegen, von 1980 bis 2004, erst als Gewerkschaftssekretär, dann als Bevollmächtigter. Noch immer lebt er mit seiner Frau in einem unauffälligen, rot geklinkerten Haus nahe der Kreisstadt mit einem Blumengarten und Bienenstöcken. Er mag Siegen bis heute. Wenn er von der Stadt erzählt, leuchten seine Augen.

Die dortige Verwaltungsstelle nennt er bis heute seinen "Schatz". Hier hat Wetzel gelernt, was es braucht, um die IG Metall vor dem drohenden Untergang zu retten. Es war Ende der Neunziger, die IG Metall galt damals als Ansammlung von Betonköpfen, täglich verlor die Gewerkschaft neue Mitglieder. Wetzel ertrug das schlecht, unsachliche Kritik an seiner IG Metall erträgt er generell schlecht. Er, der nicht gerne redet, rief zehn Mitglieder an, die aus der IG Metall ausgetreten waren. "Zwei von zehn sind danach wieder eingetreten. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis: Wenn sogar ich das kann, dann können das andere erst recht", sagt Wetzel.

Es war der Startschuss, dessen Knall bis heute nachhallt. "Es geht nicht darum, zu analysieren, warum etwas nicht funktioniert, sondern wann und warum es funktioniert, und wie man Menschen motiviert, mitzumachen", sagt er. Das war die Strategie, mit der er die IG Metall radikal veränderte – und den Mitgliederschwund umdrehte: Beinharte Mitgliederwerbung und Serviceorientierung. Es war die Gewerkschaft, die ihn schließlich drängte, größere Aufgaben anzunehmen. Die ihn erst 2004 zum Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen machte und drei Jahre später zum zweiten Vorsitzenden in die Frankfurter Zentrale berief.

In der Zentrale, damals ein bürokratischer Wasserkopf, räumt Wetzel erst mal auf – nach langen Diskussionen und mithilfe einer Unternehmensberatung. Als ihm klar wird, was getan werden muss, baut er – natürlich sozialverträglich – 125 Stellen ab, organisiert die Aufgaben anders, sammelt 20 Millionen Euro ein und verteilt sie an die Basis für neue Projekte. Wer in der Zentrale bleibt, muss fortan jede Woche freitags berichten, was er in der Woche für die IG Metall erreicht hat. "Da reicht es nicht, zu sagen, ich habe eine Broschüre geschrieben. Wir wollen eine Broschüre, die auch nachgefragt wird", sagt Wetzel. In der Wirtschaft nennt man das Kundenorientierung, Dienstleistungsbereitschaft, Leistungsbewusstsein, Kostenmanagement.

Er wird nicht geliebt, aber respektiert

Wetzel scheut sich nicht zu sagen, dass er unternehmerisches Denken in die IG Metall gebracht hat. "Ja, IG-Metall-Mitglieder sind unsere Kunden. Aber die IG Metall macht keinen Gewinn, das ist der Unterschied. Trotzdem geht es bei unserer Arbeit nicht um Selbsterfüllung, sondern um Nutzen."  Er führte Managementmethoden ein, die in den USA Standard sind: Organizing, professionelle Mitgliedermobilisierung. Auf einer Konferenz sei er einmal begrüßt worden mit den Worten "Ah, der German Organizer", sagt er. Wetzel erzählt die Geschichte gerne, seine Augen glänzen dabei.

Das große Ziel von Wetzel lautet seither, neue Mitglieder zu werben. Mitglieder sind mehr Macht, und mehr Macht ist mehr Mitbestimmung, und Mitbestimmung ist Wetzels Lieblingsthema. In der IG Metall kam der Antreiber jedoch nicht nur gut an. Mit dem Wahlergebnis 2011 zum zweiten Vorsitzenden von gerade mal 83,8 Prozent,  kassierte er die Quittung für den Umbau. Bis heute wird er weder geliebt wie der ehemalige Vorsitzende Franz Steinkühler, noch bewundert wie der jetzige Vorsitzende Berthold Huber, der studierte Philosoph und Intellektuelle, der nun geht und Wahlergebnisse weit über 90 Prozent einfuhr.