Das war gar nicht so unrealistisch. Schließlich sind Verluste, auch in für Normalbürger schwindelerregender Höhe, keine Schande an der Wall Street. Oft gelten sie sogar als Beleg, dass der Betreffende bereit ist, Chancen beim Schopf zu packen. Risikofreude gilt als Stärke, nicht als Makel. Daran hat sich offenbar nichts geändert: JP Morgan verlor im vergangenen Frühjahr durch Spekulationen mit exotischen Kreditderivaten über sechs Milliarden Dollar, doch CEO Jamie Dimon gilt in der Branche nach wie vor als einer der fähigsten, wenn nicht der fähigste Bankmanager der Welt.

Und Fuld hatte ein Adressbuch, das sich sehen lassen konnte. Zu seinen Freunden durfte er General-Electric-Chef Jeffrey Immelt zählen und Sam Palmisano, den langjährigen Vorstandschef von IBM. Andere Top-Banker landeten nach der Krise auch wieder in Führungsetagen – John Thain, Exboss von Krisenopfer Merrill Lynch, etwa übernahm den CEO-Posten der Geschäfsbank CIT. Doch Fuld wollte niemand eine zweite Chance geben.

Zunächst war die Quarantäne verständlich. Schließlich war Fuld ein Rudel von Strafverfolgern und privaten Klägern auf den Fersen. Deswegen überschrieb er seine 13,75 Millionen Dollar Villa in der Reichenoase Palm Beach schnell seiner Frau Kathy für die runde Summe von 100 Dollar. Bald wurde jedoch klar, dass die Behörden sich schwer taten mit einer Anklage. Präsident Obama, auf Anraten seines Finanzministers und Wall-Street-Vertrauten Tim Geithner, hielt sich ebenfalls zurück. Ein aggressives Vorgehen, so das Argument, würde womöglich weitere Zusammenbrüche zur Folge haben und das Finanzsystem endgültig destabilisieren. 

Keiner wurde zur Rechenschaft gezogen

Und so ist bis heute keiner der Verantwortlichen für die Krise zur Rechenschaft gezogen worden. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC, einst als Wachhund der Wall Street gefürchtet, stellte im vergangenen Jahr ihre Ermittlungen in Sachen Lehman ein. Der Bericht ihrer Ermittler wurde nie veröffentlicht, denn er war den SEC-Oberen wohl zu peinlich: Er sei zu verständnisvoll gegenüber den Lehman-Oberen gewesen, steckten Behördeninsider der New York Times.

Nach eigener Aussage hat Fuld zwischen 2000 und 2007 rund 300 Millionen Dollar verdient, nach Berechnungen von Ermittlern waren es eher 500 Millionen Dollar. Keiner kann sagen, wie viel davon übrig ist. Wenn es nach der Adresse geht, kann Fuld jedenfalls immer noch mithalten. Sein Anwesen im feinen Greenwich vor den Toren New Yorks liegt an der North Street. Hinter einer Steinmauer äsen Rehe, die Auffahrt verliert sich in einem Wäldchen den Hügel hinauf. Vom Haus selbst ist nichts zu sehen. Neben dem Eingang droht ein Schild: "Betreten verboten!" Eine Klingel gibt es nicht. Auch niemanden, den man fragen könnte. Hinter dem schmiedeeisernen Flügeltor des Nachbargrundstücks lässt sich ein Blick auf ein Imitat-Loire-Schlösschen erhaschen, vor dem eine schwere Mercedes-Limousine parkt. Um die zehn Millionen Dollar kostet eine Bleibe hier. 

Die nächste Spur führt nach Phoenix, Arizona. Dort sitzt GlyEco, ein Unternehmen, das angeblich die Nummer eins beim Recycling von Glykol ist, dem Stoff, aus dem Frostschutzmittel hergestellt wird. Die Firmen-Webseite zeigt einen traurigen Fisch mit einer Gasmaske. Der aktuelle Aktienpreis des Unternehmens: 1,15 Dollar. Im März überraschte GlyEco mit einer Mitteilung an seine Investoren: "Unser Engagement von Richard S. Fuld als Berater kann negative Aufmerksamkeit erregen", hieß es da. Was Fuld für die Giftmüllentsorger macht, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Laut einer Meldung an die Börsenaufsicht SEC hält Fulds Frau Anteile an der Firma. Anrufe bei GlyEco laufen ins Leere.