Fulds letzte bekannte Station an der Wall Street war Legend Securities. "Im Herzen des Finanzdistrikts" operiere der Broker, heißt es auf der Firmenseite von der die Skyline Manhattans glitzert. Das Büro ist im 32sten Stock eines unauffälligen Gebäudes am wenig glamourösen Ende des Broadway. Legend gehört zu der Legion kleiner Firmen, die im Windschatten der großen Häuser Aktien und andere Wertpapiere an Kleinanleger verticken. Legend-Chef Anthony Fusco wurde von der Standesorganisation der Broker einst abgemahnt, weil er bei einem früheren Arbeitgeber an Aktienverkäufen ohne Lizenz beteiligt war. Auch seine Kollegen haben Lebensläufe, die eine Anstellung bei einer Bank wie Lehman Brothers wohl nicht einmal als Portier denkbar gemacht hätte.

Wie Fuld, der einst das Ohr von US-Senatoren und Finanzministern hatte und im Aufsichtsrat der New Yorker Börse war, an die Penny-Stock-Pusher kommt, sorgte eine Weile für Gesprächsstoff an der Börse. Doch dann musste Fuld auch bei Legend seinen Hut nehmen. Die Aufsicht habe ihm die notwendigen Zulassungen verweigert, erzählte man sich. Ein Anruf erreicht Fusco persönlich. Er klingt ein wenig wie der TV-Mafia-Boss Tony Soprano. "Was hab ich davon, mit Ihnen zu reden?", schnappt er und legt auf.

Dann eine heiße Spur. Matrix Advisors sei Fulds Firma. Geschäftszweck: Investments. Die Sekretärin ist unerwartet freundlich. Nein, Herr Fuld sei nicht zu sprechen. Sie verweist an Patricia Hynes. Hynes gehört zu den Top-Anwälten von Corporate America. Sie hat Fuld bisher erfolgreich hartnäckige Ermittler und drohende Kläger vom Leib gehalten – und lästige Journalisten. Nach der Reuters-Reporterin fand kein Pressevertreter Zugang zu dem Ex-Lehman-Chef. "Herr Fuld gibt keine Interviews", kommt prompt ihr Bescheid. Fuld-Freunde erzählen, der Ex-Lehman-Chef brenne darauf, mit seiner Version des Geschehens an die Öffentlichkeit zu gehen. Vielleicht ist es ja bald so weit: Die Verjährungsfrist für mögliche Anklagen läuft Ende dieses Monats aus. 

Aus der Krise nichts gelernt

Doch auch wenn Fuld irgendwann auspackt: Soviel hat die Suche nach ihm klargemacht – er hat keine Chance mehr an der Wall Street, an der er 40 Jahre seines Lebens verbracht hat. Keinen anderen Beteiligten hat die Börse so abgestraft. Vielleicht erinnert Fuld seine Exkollegen einfach zu sehr an die Tage, als ihre Existenz und vor allem ihr Selbstverständnis als Masters of the Universe sich in Nichts aufzulösen drohten. Jene Tage, in denen der damalige Finanzminister Henry Paulson, selbst zuvor der Boss von Goldman Sachs, vor Nancy Pelosi kniete, um die Mehrheitsführerin der Demokraten zu bitten, das 700 Milliarden Dollar schwere Hilfspaket für seine Exkollegen durch den US-Kongress zu boxen.

Schon zwei Jahre später motzte JP-Morgan-Chase-Chef Jamie Dimon, es sei jetzt gut mit der Bankerschelte. Und er und seine Kollegen mühten sich eifrig, neue Regulierungen zu verhindern. Bis heute ist Obamas Finanzreform nicht umgesetzt.

Der Büroturm an der Third Avenue in Manhattan, in dem angeblich Matrix Advisors sitzt, ist nur ein paar Blocks von den einstigen Büros des Milliardenbetrügers Bernie Madoff entfernt. Die Empfangshalle, ganz in rötlichem Stein, hat den Charme einer Aussegnungshalle, ein Eindruck, der durch die weißen Orchideen auf dem Tresen noch verstärkt wird.

Der Sicherheitsmann dahinter ist groß und schwarz, in seinem Ohr blitzt ein kleiner Diamant. "Matrix Advisors?", fragt er nach, bevor er eine Liste konsultiert. Es gibt Dutzende Mieter hier. "Da meldet sich niemand." Hat er Fuld gesehen? Heute oder irgendwann sonst? "Sorry", zuckt er die Schultern, "Ich kenne diese Leute nicht."  Doch die Vorstellung lässt sich nicht abschütteln: Ein Mann an seinem Schreibtisch, die massive Stirn in die Hände gestützt, starrt auf das Telefon. Und wartet auf ein Klingeln.