Noch ist nicht klar, welche Koalition Deutschland regieren wird. Aber am Horizont ist sie schon sichtbar, die Große Koalition. Schon einmal hat sie gute Dienste geleistet und das Land durch eine schwere Krise geleitet. Diesmal ist Europa der Patient, dem es zu helfen gilt.

Die Probleme in der Währungsunion und die Rettungspolitik haben die Deutschen gespalten. Abzulesen ist dies am Wahlergebnis der Alternative für Deutschland, die mit 4,7 Prozent nur sehr knapp den Einzug in den Bundestag verpasst hat. Wer meint, damit wäre das Problem Euroskeptizismus in Deutschland erledigt, der irrt. Gleiches gilt für jene, die die AfD auf eine rechte Splittergruppe reduzieren. In der Protestpartei kumuliert ein tiefes und in Teilen verständliches Misstrauen gegenüber Europa, dem Euro und der Rettungspolitik. Dieses Misstrauen verschwindet nicht, nur weil es die AfD nicht in den Bundestag geschafft hat. Im Gegenteil.

Eine Große Koalition kann viel dazu beitragen, dass sich die Bürger wieder stärker mit Europa und dem Euro identifizieren. Dafür sind Überzeugungsarbeit und ein breiter Konsens im Bundestag notwendig.

Merkel musste um Mehrheiten bangen

In den kommenden Monaten müssen viele kritische europapolitische Entscheidungen getroffen werden. Griechenland wird abermals Finanzhilfe benötigen, vielleicht auch Portugal und Irland. Im Streit um die Bankenunion muss ein Kompromiss gefunden werden. Die Konjunktur hat sich in der Euro-Zone leicht erholt, aber die Wachstumsraten in den einzelnen Mitgliedsstaaten unterscheiden sich erheblich. Griechenland und Spanien stecken immer noch in einer Rezession und Euro-Kernland Frankreich ist von einem echten Aufschwung weit entfernt. Allein Deutschland geht es weiterhin blendend.

In den vergangenen drei Jahren, so lange beschäftigt uns die Euro-Krise nun schon, musste sich die Kanzlerin ihre Mehrheiten immer hart erkämpfen. Die eigenen Reihen standen nicht geschlossen hinter ihr. Die SPD und die Grünen sicherten ein ums andere Mal die Zustimmung im Bundestag. So gesehen hatten wir in europapolitischen Fragen längst eine Große Koalition.

Mit der SPD am Kabinettstisch würde es für die Bundesregierung leichter, weil die Mehrheit im Parlament gesichert wäre. Aber es entsteht auch eine neue Gefahr: Wer sich auf seine Mehrheit verlässt, könnte schnell vergessen, die notwendige, kritische Auseinandersetzung um die Rettungspolitik fortzuführen. Das könnte die Skepsis gegenüber Europa weiter befördern.