ZEIT ONLINE: Frau Rivlin, seit der letzten Auseinandersetzung über die US-Staatsschulden und die Herabstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's sind etwas mehr als zwei Jahre vergangen. Nun steht die nächste Kraftprobe bevor. Die republikanische Opposition hat damit gedroht, eine Anhebung der staatlichen Schuldengrenze zu blockieren. Wie geht es weiter?

Alice Rivlin: Ich sage es ungern, aber realistisch gesehen könnte eine Staatspleite nur eine Frage der Zeit sein. Es stehen zwei wichtige Termine an. Ende September geht dem Fiskus das Geld aus, und ohne die rasche Verabschiedung eines neuen Haushaltsgesetzes für das am ersten Oktober beginnende Haushaltsjahr würde es zu einer Stilllegung weiter Teile des staatlichen Verwaltungsapparats kommen. Noch kritischer wird aber wenige Wochen später der Streit um das Schuldenlimit sein. Ich traue den Republikanern mittlerweile zu, sowohl den Haushalt als auch die Anhebung der Schuldengrenze zu verhindern. Die Folgen wären katastrophal.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Rivlin: Es könnte zu einem Kurssturz an den Märkten kommen. Der Dollar würde einbrechen, und der Vertrauensverlust in die US-Wirtschaft, die gerade in Krisenzeiten weiterhin als "sicherer Hafen" für Anleger aus aller Welt gilt, wäre unermesslich. Das Problem besteht darin, dass der erzkonservative Flügel der republikanischen Partei wirklich nicht begreift, was auf dem Spiel steht. Ihnen geht es nur darum, um jeden Preis Präsident Obamas Gesundheitsreform zu kippen. Deswegen halten sie den Staatshaushalt quasi als Geisel und wollen nur zustimmen, wenn "Obamacare" die Finanzierung entzogen wird.

ZEIT ONLINE: Wie können denn die Republikaner zur Räson gebracht werden?

Rivlin: Das ist die Preisfrage. Langfristig gesehen wäre es natürlich sinnvoll, das gesetzliche Schuldenlimit aufzuheben. Keine andere führende Industrienation verfügt über ein so unsinniges Konstrukt. Auch sollten beide Parteien einsehen, dass die staatlichen Zwangseinsparungen, die Anfang des Jahres in Kraft traten, genauso sinnlos sind.

Mit willkürlichen Sparmaßnahmen, die fast jedes Regierungsressort betreffen, ist es nicht getan. Wir müssen einen Weg finden, bei den gesetzlichen Ausgabenprogrammen, nämlich der staatlichen Gesundheitsversorgung und Rentenversicherung den Rotstift anzusetzen. Ohne entsprechende Reformen werden die Schulden, die mittlerweile das Bruttoinlandsprodukt der USA übersteigen, weiter in die Höhe schießen. 

ZEIT ONLINE: Lange Zeit ignorierten amerikanische Politiker das eigene Schuldenproblem und schoben den Europäern den schwarzen Peter zu. Heute aber hat sich die Lage in der Euro-Zone stabilisiert, während nun der US-Haushalt wieder in aller Munde ist. Was bedeutet das?

Rivlin: Das ist und war schon immer ein schlechter Vergleich. In der Euro-Zone haben sich die Politiker  zusammengetan und an einem Strang gezogen. Die Reformen haben zweifellos Früchte getragen, und fast niemand redet mehr von einem möglichen Ende der Gemeinschaftswährung. Doch die Randstaaten haben nach wie vor Probleme. In den USA hingegen sind der Starrsinn und das Unvermögen einiger Republikaner, den Ernst der Lage zu erkennen, entscheidend.