Die Hamburger sind am Sonntag  zu Stromrebellen geworden. In einem extrem knappen Volksentscheid haben sie sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass die Stadt die Energienetze übernimmt (50,9 Prozent stimmten für die Rekommunalisierung, 49, 1 Prozent dagegen).

Und das, obwohl sich ein breites, wirtschaftsnahes Bündnis mit Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) an der Spitze in einer aufwändigen Kampagne gegen einen Rückkauf des Netzes ausgesprochen hatte. Die Freude der Befürworter ist verständlicherweise groß, schließlich geht von ihrem Ja auch ein Signal nach Berlin, wo Anfang November die Bürger ebenfalls über den Rückkauf entscheiden sollen.

Doch so groß der Jubel sein mag – noch haben die Stromrebellen das Netz nicht gewonnen. Jetzt beginnt ein aufwändiges Verfahren mit einem offenen Ende: Hamburg muss sich einem Bieterstreit stellen und so schnell wie möglich um die Konzession des Stromnetzes werben – aller Voraussicht nach mit dem ehemaligen Bündnispartner Vattenfall als Konkurrenten. Die bisherige Konzession an Vattenfall läuft Ende 2014 aus.  

Und hier wird es brisant: Denn ob die Stadt sich gegenüber Vattenfall durchsetzt, ist keinesfalls sicher. Das Energiewirtschaftsgesetz macht klare Vorgaben, wer der Gewinner eines solchen Bieterverfahrens ist: Er muss eine "sichere, preisgünstige, verbraucherfreundliche, effiziente und umweltverträgliche leitungsgebundene Versorgung der Allgemeinheit mit Elektrizität und Gas" gewährleisten.

Das sind die einzig entscheidenden Kriterien. Dass eine Kommune das prinzipiell besser kann und daher einen Bonus bei der Vergabe bekommt, davon steht nichts im Gesetz. Erst vor wenigen Wochen hat das Bundeskartellamt in Titisee-Neustadt die Neuvergabe an die Kommune für nichtig erklärt.

Aus für die Kooperation der Stadt mit Vattenfall

Die Stadt wird nun die bestehende Beteiligung der Stadt von 25,1 Prozent an Vattenfalls Netztöchtern rückabwickeln müssen. Scholz hatte die Anteile 2011 übernommen, in der Hoffnung, damit die Diskussion um einen Komplettrückkauf der Netze zu beenden. Im Gegenzug hatte Vattenfall sich damals zum Bau eines neuen Gaskraftwerks in Wedel verpflichtet, das auch zum Teil die Fernwärmeversorgung der Stadt übernehmen soll. Dieser umstrittene Deal ist mit dem Volksentscheid nun hinfällig. Stattdessen wird nun die Stadt das Netz von Vattenfall zurückkaufen müssen. Die Stadt schätzt, dass dies mindestens zwei Milliarden Euro kosten wird.

Ausgerechnet Olaf Scholz, der sich immer gegen eine Verstaatlichung ausgesprochen hat, muss nun beweisen, dass die Stadt der bessere Energieversorger ist. Die Mehrheit der Hamburger wird aufmerksam verfolgen, wie stark er sich für ihr neues Stadtwerk engagiert.

Die Stadt muss fähige Leute finden, die es schaffen, den neuen städtischen Versorger gut aufzustellen. Und dass die Hamburger mit dieser Großoperation Geld sparen und dass die Energiewende in der Hansestadt schneller klappt, ist noch lange nicht klar. Gerade der Betrieb von Strom- und Gasnetzen ist in Deutschland komplett durchreguliert – die Einflussmöglichkeiten der Stadt sind extrem gering.