Beweist die Existenz von Kühen, dass die Grundsätze des Kapitalismus nicht stimmen? Diese kuriose Frage stellen drei Ökonomen der Universitäten Yale und Pennsylvania in einer neuen Studie, die gerade unter Wirtschaftsforschern und Entwicklungshelfern für Aufregung sorgt. Die Untersuchung von Santosh Anagol, Alvin Etang und Dean Karlan verfolgt jedoch nicht nur eine steile These. Sie stellt auch einige scheinbare Gewissheiten über die globale Armutsbekämpfung infrage.

Die drei Ökonomen haben untersucht, wie Kleinbauern in Indien ihr Geld investieren. Dafür werteten sie eine Befragung von Haushalten im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh aus. In siebzig Dörfern waren Interviewer von Hütte zu Hütte gegangen und hatten den Bewohnern mehrere Fragen gestellt: Wie wertvoll sind die Kühe und Büffel auf dem Hof? Wie viel Liter Milch bringen Sie? Wie viele Kälber gebären Sie?

Dass die Forscher sich gerade für Rinder interessierten, hat einen Grund: In kaum einem anderen Land investiert die Landbevölkerung so viel Geld in Kühe und Büffel wie in Indien. Mehr als ein Viertel der weltweiten Rinderpopulation lebt auf dem Subkontinent. Die Ökonomen um Dean Karlan wollten deshalb herausfinden, warum so viele Inder ihre mühsam ersparten Rupien ausgeben, um Kühe oder Büffel zu kaufen.

Dazu errechneten sie in einem ersten Schritt die Rendite der Rinder. Auf der einen Seite zählten sie zusammen, wie viel Liter Milch die Tiere im Durchschnitt pro Jahr geben, wie viele Kälber sie gebären und wie hoch ihr Verkaufswert ist. Dazu addierten sie den Wert der Kuhexkremente, die als Dünger oder als Brennstoff eingesetzt werden können.

Von diesen Einnahmen zogen die Ökonomen die Kosten für Futter, Tierarztbesuche und die Abschreibungen auf die Tiere ab, die immer weniger wert sind, je älter sie werden und je weniger Milch sie geben. Außerdem bezogen die Forscher mit ein, dass Pflege und Versorgung der Tiere pro Tag im Durchschnitt rund vier Stunden dauert und die Bauern in dieser Zeit nicht arbeiten und Geld verdienen können.

Das Ergebnis ihrer Berechnungen war überraschend: Kühe und Büffel sind in den meisten Fällen eine sehr schlechte Investition. Im Durchschnitt liegt ihre Rendite zwischen minus 64 und minus 39 Prozent. Sie vernichten im großen Stil das ohnehin schon knappe Kapital der oftmals sehr armen indischen Kleinbauern.

Warum stecken Millionen Inder ihr Geld in Rinder, obwohl es dem ökonomischen Gesetz der Gewinnmaximierung vollkommen widerspricht? Die Ökonomen untersuchen in ihrer Studie einige naheliegende Erklärungen. Vielleicht sehen die indischen Kleinbauern die Kühe nicht als Investition, die eine Rendite erwirtschaften soll, sondern vor allem als bequeme und sichere Milchquelle?

Tatsächlich ist es in Indien keine gute Idee, Milch in einem Geschäft zu kaufen. Eine Untersuchung der indischen Regierung zeigte 2011, dass fast 70 Prozent der verkauften Milch die Hygienestandards nicht einhält und teilweise mit Chemikalien verseucht ist. Das steigert den Wert einer eigenen Kuh, die saubere und frische Milch gibt.

Trotzdem kann dieser Faktor höchsten einen Teil der Ergebnisse erklären. Schon eine Kuh produziert im Durchschnitt rund drei Liter Milch pro Tag und damit mehr als viele Familien benötigen, konnten die Forscher mit ihren Daten zeigen. Und viele Inder kaufen immer weiter Kühe, obwohl sie so viel Milch gar nicht trinken können.

Die Forscher konnten ebenfalls ausschließen, dass hinter der kostspieligen Liebe der Inder zu Rindern ausschließlich religiöse Gründe stecken. Die Kuh gilt im Hinduismus zwar als ein heiliges Tier. Auch hat sie für viele Inder einen hohen nichtmateriellen Wert. Für Büffel gilt das aber nicht, und auch die kaufen viele Inder sehr gerne, obwohl sie ihnen hohe finanzielle Verluste bescheren.

Die Ökonomen vermuten daher, dass Kühe und Büffel für indische Kleinbauern noch eine andere Funktion haben: Sie werden genutzt, um zu sparen. In vielen indischen Dörfern gibt es keine Banken. Um ihr Erspartes anzulegen, müssen die Bewohner ihr Geld entweder windigen Geldverleihern anvertrauen oder es unter die Matratze legen.

Die Lösung mit der Matratze hat einen großen Nachteil: Die Verlockung ist groß, das Geld schnell wieder auszugeben. Studien von Entwicklungsökonomen zeigen, dass sich viele Menschen in Entwicklungsländern schwer tun, für langfristige Ziele Geld zu sparen, selbst wenn ihr Einkommen dafür ausreicht. Wer zum Beispiel für die Schulgebühren der Kinder sparen will, braucht eine Sparmöglichkeit, bei der das Geld sicher weggeschlossen wird und nur im Ganzen abgehoben werden kann.

Kühe und Büffel könnten so eine Sparmöglichkeit sein, schreiben die Forscher um Dean Karlan. Um an das investierte Geld wieder heranzukommen, muss man das Tier im Ganzen verkaufen. Dass viele Inder bereit sind, durch die schlechte Rendite der Kühe viel Geld zu verlieren, nur um ihr Erspartes wegzuschließen, zeigt demnach, dass es für sie keine besseren Anlageformen gibt. Viele Ökonomen fordern daher, dass Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern einfache Bankdienstleistungen wie Sparbücher anbieten sollten.

Mit Sparbüchern könne man oft sogar mehr bewirken als mit den berühmten Mikrokrediten, sagt zum Beispiel Dean Karlan. Mikrokredite galten lange Zeit als Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut. Mit den Mini-Darlehen von rund 100 Dollar sollten arme Kleinunternehmer und Bauern ihre Geschäfte und Farmen vergrößern und so mehr Gewinn erwirtschaften. Ökonomen, die die Wirkung von Mikrokrediten gemessen haben, sind allerdings bisher zu eher enttäuschenden Ergebnissen gekommen. Oft hat sich die Situation der Kreditnehmer durch die Darlehen nicht verbessert.

Die aktuelle Studie über die Renditen der Kühe zeigt, warum Mikrokredite manchmal so wirkungslos verpuffen: Viele Kleinbauern scheinen keine lukrativen Investitionsprojekte zu haben, für die sie das Geld einsetzen können. Wer sich mit einem Mikrokredit eine Kuh kauft, die eine Rendite von minus 64 Prozent hat, wird es schwer haben, damit der Armut zu entkommen.

Die Ergebnisse der Ökonomen stellen auch einige populäre Entwicklungshilfeprogramme infrage. Hilfsorganisationen wie Heifer International verschenken Kühe an Kleinbauern, damit sie mehr Milch verkaufen und mit den Einnahmen ihre Farm vergrößern können. Wenn die Renditen für Kühe wirklich so schlecht sind, wie die Ökonomen um Dean Karlan errechnet haben, schadet man Kleinbauern mit solchen Geschenken vielleicht mehr, als man ihnen hilft.

Doch auch Dean Karlan und seine Forscherkollegen wollen nicht gleich alle derartigen Hilfsprojekte stoppen. Sie trauen ihren kuriosen Ergebnissen offenbar selbst nicht so ganz. Man müsse dringend weiter die Rendite von Tieren und anderen natürlichen Investitionsobjekten in Entwicklungsländern erforschen, fordern sie.