Was ist los in Stockholm? Nur sechs Jahre nachdem eine gewaltige Finanzmarktblase die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit auslöste, zeichnet die Schwedische Reichsbank einen Forscher mit dem Ökonomie-Nobelpreis aus, der noch immer glaubt, dass Finanzmärkte effizient sind. Eugene Fama ist sogar der Erfinder der Effizienzmarkthypothese, jener Idee, wonach die Investoren nahezu allwissend sind und die Preise an den Finanzmärkten stets die Realität abbilden. Bis heute sagt er: Spekulationsblasen gibt es nicht. Wie kann solch ein Forscher einen solch wichtigen Preis bekommen?  

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Zum einen: Nicht nur Fama wurde geehrt, sondern auch zwei Forscher, die gewissermaßen ein Gegengewicht bilden: Lars Peter Hansen, der wichtige Instrumente entwickelt hat, um Preisbewegungen an der Börse zu analysieren. Und Robert Shiller, der sehr wohl weiß, wie irrational Finanzmärkte sein können. Zum anderen: Auch Famas Thesen sind keineswegs so realitätsfremd, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Als junger Student arbeitete Eugene Fama für einen Professor in Boston. Für ihn sollte er herausfinden, wie man auf den Finanzmärkten Geld verdienen kann. Fama versuchte, aus historischen Daten die perfekte Investment-Strategie herauszulesen. Schnell stellte er fest, dass die Strategien, die in der Vergangenheit funktioniert hatten, für die Zukunft nutzlos waren. Aus dieser Beobachtung leitete er eine seiner bedeutendsten Erkenntnisse ab, die er später in seiner Dissertation an der Universität von Chicago auf den Punkt bringen sollte: Kurzfristige Preisänderungen an Finanzmärkten sind nicht vorhersagbar. Und: Die Preise an den Finanzmärkten passen sich schnell wieder an alle allgemein verfügbaren Informationen an. Das ist der Kern seiner sogenannten Effizienzmarkthypothese.

Für Fondsmanager ist das eine schlechte Nachricht. Hätte Fama mit seiner These Recht, würde ihre Arbeit, das Auswählen und Gewichten von Aktien, wertlos. Die Preise spiegeln schließlich am Ende nur das wider, was alle am Markt wissen. Für irrationales Verhalten von Anlegern und Investoren ist da kein Platz. Fama sagt bis heute Sätze wie: "Der Markt liegt immer richtig." Und er betont, dass er nicht wisse, was das Wort "Blase" in der Analyse von Finanzmärkten überhaupt bedeuten soll.   

Womöglich war dieser Marktglaube auch der Schwedischen Reichsbank zu extrem. Deswegen zeichnete sie zusammen mit Fama den US-Ökonomen Robert Shiller aus, der in vielen Punkten eine diametral andere Meinung vertritt. Shiller war einer der Ersten, der Famas These von den effizienten Märkten infrage stellte. In den achtziger Jahren untersuchte er in seinen Studien verschiedene Aktienkurse. Er stellte nicht nur fest, dass der Kurs der Papiere stark schwankte, sondern auch, dass sich die Schwankungen nicht durch die Rendite erklären ließen, die sich durch die Dividende ergeben würde. Shiller kam zu dem Schluss, dass die Effizienzmarkthypothese "dramatisch" versagt

Shiller entdeckte die animal spirits neu

Um herauszufinden, was hinter den Schwankungen steckt, machte Shiller Umfragen unter Investoren und Börsenhändlern. Dabei konnte er zeigen, dass die Akteure an den Finanzmärkten keineswegs immer so gut informiert sind und streng rational entscheiden, wie Fama es in seinen Modellen annimmt. Sie lassen sich stattdessen eher von Gefühlen leiten und folgen dem Herdenverhalten anderer Anleger. Diese Erkenntnisse verarbeitete er in seinem Buch Animal spirits, das er 2009 zusammen mit Nobelpreisträger Georg Akerlof veröffentlichte. In dem Buch beschreiben die beiden Ökonomen, wie psychologische Phänomene die Wirtschaft beeinflussen.  

Shiller gilt auch als Krisenprophet, weil er zwei große Crashs vorausgesehen hat. 2000 warnte er vor der Blase am Markt für Technologiewerte und einige Jahre später vor den Übertreibungen auf dem US-Immobilienmarkt. Der Ökonom kennt also die Gefahren, die am Finanzmarkt lauern. Seine Lösung für dieses Problem ist gleichwohl überraschend: Der Finanzmarkt soll nicht etwa schrumpfen, sondern weiter wachsen. Shiller will, dass Banken und Versicherungen viele neue Finanzprodukte entwickeln.