"Es ducken sich gerade alle weg", sagt er. Mit "alle" sind IT-Firmen gemeint, die Geheimdiensten zuliefern. Er gehört dazu. Auch er wagt sich nicht namentlich aus der Deckung. Obwohl der Geschäftsführer eines deutschen Unternehmens rechtlich "absolut nichts zu befürchten hätte", wie er betont. Aber: "Bekanntheit schadet in unserem Geschäft. Das war natürlich schon immer so. Aber in der jetzigen Stimmung, bei all dem öffentlichen Interesse gilt es besonders."

Er war lange mit einem Programm erfolgreich, das Ermittlungsbehörden weltweit zur Überwachung nutzen. Nun hat er ein neues im Angebot, das Informationen aus unterschiedlichen Datenbanken miteinander verbindet, im Fachjargon spricht man von Datenintegration. Damit können Analytiker zum Beispiel prüfen, ob E-Mails einer bestimmten Person zuzuordnen sind, die man bereits aus einer Telefonabhöraktion kennt.

Die Qualität der Software und ihre Marktchancen können die Autoren dieses Textes nicht beurteilen. Aber der Geschäftsführer ohne Namen wirkt seriös und optimistisch. Der Prism-Skandal, sagt er, habe allen Anbietern "eine Art globale Sonderkonjunktur beschert. Spione, Polizei-Ermittler und militärische Aufklärer schauen voller Neid und Neugier zur NSA mit ihren scheinbar unbegrenzten Mitteln und sagen: So etwas wollen wir auch. Zumindest die kleine Version davon." Den Rückstand des Rests der Welt zu den US-Diensten nennt er "den Schmerz des Kunden, der die Kaufentscheidung letztlich auslöst".

Digitales Wettrüsten

Seit sich Edward Snowden im Juni mit Tausenden geheimer Dokumente absetzte und sie nach und nach veröffentlicht, ist erkennbar: Das Wettrüsten hat sich in den digitalen Raum verlagert. Wenn alte Waffen stumpf werden, weil die Konkurrenz gleichzieht oder überholt, sind neue gefragt. Auf Rechnung des Steuerzahlers, das hat sich nicht geändert.

Das Geschäft mit der Cyber-Angst ist hoch profitabel. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben die Vereinigten Staaten mehr als 500 Milliarden Dollar in Spionage- und Sicherheitssysteme investiert, allein im laufenden Haushalt sind es 52,7 Milliarden Dollar. Das Geschäft mit der notwendigen Software läuft glänzend – egal, ob es um die Abwehr von Cyber-Attacken, das Ausspähen potenzieller Feinde oder die Auswertung von Daten geht. Weltweit wird es dieses Jahr 67 Milliarden Dollar abwerfen, in fünf Jahren könnten es doppelt so viel sein.

Richard Stiennon, Fachmann für IT-Sicherheit, hält selbst diese Schätzungen für zu vorsichtig. "So wie Antivirus-Software und Firewalls ein großes Geschäft wurden, wird es der Verschlüsselung ergehen. Wenn Abhören zur Alltagsgefahr wird, will sich jede Firma schützen." Er prognostiziert, dass das Geschäft mit der entsprechenden Technik binnen Jahresfrist zwei Milliarden Dollar schwer sein werde. Die jährlichen Ausgaben für IT-Sicherheit insgesamt werden sich ihm zufolge innerhalb von zehn Jahren auf 639 Milliarden Dollar verzehnfachen.

Washington hat dank der Branche einen IT-Speckgürtel angesetzt. Die Landkreise rund um die US-Hauptstadt von Maryland bis Virginia sind zu einer der vermögendsten Regionen des Landes geworden. Und im Silicon Valley haben mindestens weitere 100 Firmen ihren Sitz, die allerlei Schnüffel-Technik im Angebot haben – vom Anzapfen eines Glasfaserkabels bis zur Rasterfahndung in sozialen Medien. Der Geheimdienst CIA päppelt solche Unternehmen mit seiner Wagniskapital-Abteilung In-Q-Tel, sie hat in den vergangenen 14 Jahren mehr als 90 finanziert.

Kein Wunder, dass es Ende September auf der Fachmesse ISS World Americas brummte, die der Veranstalter TeleStrategies seit elf Jahren organisiert. Dort bleiben Industrie und Kundschaft unter sich, ohne Einladung kommt man nicht hinein. Das Fachpublikum konnte sich in einem Hotel in Bethesda, einem Vorort von Washington, drei Tage lang über die neueste Spionagetechnik informieren.