Diejenigen, die bereits gut im Geschäft sind, stört das weniger. Große Beratungsfirmen wie Booz Allen Hamilton (BAH), die rund 14 000 Angestellte vor den Toren Washingtons beschäftigen und die Hälfte ihres Jahresumsatzes mit Aufträgen von Militär und Geheimdiensten machen, setzen mit Erfolg auf den Drehtür-Effekt. So leitet John Mike McConnell, ehemaliger Geheimdienstchef unter George W. Bush heute die Abteilung Cyberverteidigung des Unternehmens – die gerade einen 5,6 Milliarden Dollar schweren Auftrag vom Pentagon erhielt. James Clapper, McConnells Nachfolger im Regierungsamt, saß wiederum früher jahrelang bei BAH in der Chefetage. "Man nimmt in Kauf, für ein paar Jahre kein Millionengehalt zu kassieren, weil man es sich später doppelt und dreifach zurückholen kann, wenn alte Kameraden die Programme auflegen, für die man seine Dienste anbietet", so der Kommentar des Journalisten Chatterjee.

Kleine Firmen müssen anders vorgehen. Sie verdingen sich als Subunternehmer für einen großen Konzern oder berufen einen pensionierten Militär oder Geheimdienstler in ihre Führungsmannschaft, der als Beauftragter für "Regierungsangelegenheiten" alte Kontakte aktiviert und als Trumpf bei Ausschreibungen dient. Denn Veteranen werden ebenso wie ethnische Minderheiten in den USA bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugt berücksichtigt.

Nützlich ist neben guten Kontakten auch geschickte PR. Palantir aus Palo Alto beherrscht sie. In den Medien wird das Unternehmen seit Jahren dafür gefeiert, in Datenbergen schnell und akkurat Verdächtiges aufzuspüren. So soll ihre Software dabei geholfen haben, Osama bin Laden ausfindig zu machen. Nachdem In-Q-Tel Wagniskapital spendierte, gehören inzwischen neben der CIA das FBI, die NSA und viele andere Regierungsbehörden zum Kundenkreis. Geheimdienstchefs und Generäle fungieren als Berater und preisen Palantir. Mit dem Effekt, dass mittlerweile mehr als die Hälfte des auf 450 Millionen Dollar geschätzten Jahresumsatzes aus der Privatwirtschaft stammt – die nun auch in den Genuss der magischen Datensichtung kommen möchte.

Der Messe-Organisator Lucas hat noch drei handfeste Argumente für eine goldene Zukunft der Branche parat. Zum einen werden seiner Ansicht nach ausländische Regierungen, die es stört, dass Daten ihrer Bürger aus sozialen Netzwerken in den USA gespeichert werden, Konzerne wie Facebook zwingen, diese vor Ort zu hosten – "einschließlich Abhörmöglichkeiten. [Unsere] Anbieter werden diese Produkte liefern." Zweitens machen sich Länder wie Brasilien dafür stark, nur noch einheimische Abhörtechnik zu verwenden. Amerikanische IT-Firmen werden nach Lucas’ Einschätzung deshalb Partnerschaften mit Anbietern in den jeweiligen Ländern eingehen. Er verweist auf den staatlichen Energiekonzern Petrobras, der nach Meldungen über NSA-Ausspähung umgerechnet sieben Milliarden Euro in Datenschutz investieren will. Drittens werde jeder Versuch, den Einfluss der NSA zu begrenzen, unweigerlich zu höheren Investitionen in Technik führen. "Nehmen wir die Speicherung von Verbindungsdaten. Wenn einzelne Telekomfirmen diese Daten statt der NSA speichern, hätten wir Hunderte statt einer NSA-Datenbank. Verbindungsdaten sind das Herzstück vieler Produktportfolios. Je dezentraler diese Daten gespeichert werden, umso mehr Geld wird für solche Produkte fließen", sagt Lucas trocken.

Prism = Weckruf = mehr Budgte aus Berlin und Brüssel

In Deutschland werden kleinere Brötchen gebacken, aber in den interessierten Kreisen ist man ebenfalls nicht unglücklich über die aktuelle Debatte. Andreas Könen, Vizepräsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), drückt es so aus: "Prism ist ein Weckruf. Den brauchte es offenbar, damit das Thema IT-Sicherheit den politischen und gesellschaftlichen Stellenwert bekommt, den es verdient." Der Punkt der "nötigen Sensibilisierung bei öffentlicher Verwaltung, Unternehmen und privaten Nutzern" sei endlich erreicht.

Man könnte auch sagen: Endlich finden er und seine Kollegen Gehör. Bereits Anfang des Jahres wiesen sie darauf hin, dass mehrere Versionen des Verschlüsselungsstandards SSL nicht mehr sicher sind. Wenn ein deutsches Amt das öffentlich macht, ist das aber weniger aufregend als die Enthüllungen eines abtrünnigen NSA-Agenten. Könen nutzt jedenfalls die kommunikative Chance, die sich daraus ergibt. Unter anderem, um den politischen Boden für mehr IT-Sicherheitsbudget im Bundeshaushalt zu bereiten. Ein Blick auf die Zahlen der jüngeren Vergangenheit zeigt: Es geht, zumindest für hiesige Verhältnisse, um viel Geld.