Vineet Jain hat sich entschlossen, auf der aktuellen Empörungswelle zu surfen. "Ich bekomme jeden Tag Mails von verunsicherten europäischen Kunden", sagt der Gründer und Chef des kalifornischen Cloud-Anbieters Egnyte. "Privatheit gibt es nicht mehr, aber verlässlichen Datenschutz sehr wohl. Und damit werben wir, was das Zeug hält!" Sein Unternehmen bietet Filesharing-Dienste für rund 30 000 Firmen weltweit an, vom Mittelständler bis zum Multi. Ein Siebtel kommt aus Europa, und Jain glaubt, dass er diesen Prozentsatz noch steigern kann.

Das Unternehmen aus dem Silicon Valley reagierte schnell auf den NSA-Skandal und entwickelte eine Marketingkampagne, die intern nur halb im Scherz als "Snowden-Programm" bezeichnet wurde. Dazu gehört das Angebot, die technische Infrastruktur einer Firma kostenlos nach Lücken abzuklopfen. Egnyte hat zudem die Bremse bei der Cloud-Euphorie gezogen und wirbt damit, dass Firmen ihre Daten ruhig komplett hinter der eigenen Firewall belassen und sich nur bei der streng geregelten Zugangskontrolle aufs Netz stützen sollten. "Endlich hat die Realität unsere Vision eingeholt", freut sich Jain. Bei der jüngsten Aufsichtsratssitzung habe er "Super-Zahlen" vorlegen können.

Wer die Angst vor US-Spionen zum Geschäftsmodell erklärt, rennt bei vielen Firmen offene Türen ein. Allerdings anders, als sich das europäische Anbieter wünschen, die mit "IT-Sicherheit made in Germany" werben. Besonders die Cloud ist bei vielen europäischen Unternehmen out. So sagte zum Beispiel der oberste IT-Verantwortliche einer großen deutschen Online-Versicherung: "Bei uns muss keiner mehr seine Cloud-Konzepte aus der Schublade holen, um sie dem Vorstand vorzulegen. Er kann sie direkt im Papierkorb entsorgen." Was einen deutschen Lobbyisten eines großen US-amerikanischen IT-Konzerns in Berlin "kein Stück wundert".

Steilvorlage für Brüssel 

Der Mann war einmal Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde. Als deutscher Vertreter von US-Interessen hat er nun einen interessanten Blick auf die Dinge. Er sagt: "Die Debatte um Prism hat zu einer absurden Risikowahrnehmung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch unter IT-Verantwortlichen von deutschen Unternehmen geführt."

Die US-Geheimdienste würden als die größte Bedrohung wahrgenommen. Potenzielle Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie Stromnetze und Wirtschafts-Cyberspionage aus Russland und China würden dagegen weiter unterschätzt. Er berichtet von Unternehmen, die sich aufgeregt die Frage stellten, ob ihre Daten vor amerikanischen Diensten sicher seien. Aber genau diese Dienste hätten über Umwege eben jenen Firmen schon mal den freundlichen Hinweis gegeben: "Ihr habt seit drei Monaten die Chinesen bei euch drin!" Die Prism-Diskussion erinnert den Fachmann an die Stimmung zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Europäer profitieren seiner Ansicht nach – trotz Tempora und xKeyscore – sicherheitspolitisch von den Investitionen des amerikanischen Staates in solche Technik.

Die Asymmetrie sei das eigentliche Problem – der deutsche Staat investiere zu wenig in Cyber-Sicherheit. Und beschwere sich aus Undank bei den amerikanischen Verbündeten, von deren Schutzschirm er profitiere. Das ist aus Sicht des Lobbyisten "politisch ärgerlich und kontraproduktiv für die transatlantischen Beziehungen". Handfester wirtschaftlicher Schaden entstehe aber dann, "wenn deutsche IT-Firmen, die auf dem Weltmarkt erhebliche Probleme haben, deutsche Politiker davon überzeugen, dass nur deutsche Produkte deutsche IT-Sicherheit herstellen können". Und dies alles unter der Überschrift "technologische Souveränität" Deutschlands oder Europas.