Die 90-Prozent-Schuldenregel von Kenneth Rogoff prägte die Sparpolitik in der Euro-Zone. Doch seit ein Student einen Fehler darin entdeckte, ist seine Forschung hoch umstritten. Jetzt setzt sich der Harvard-Ökonom gegen seine Kritiker zur Wehr – und verteidigt seine Arbeit. 

In einem Interview unterstellte Rogoff seinen Kritikern politische Motive. "Das war keine Debatte. Das war eine haltlose persönliche Attacke, von Leuten mit einer starken politischen Agenda", sagte der Ökonom im Wirtschaftsmagazin Capital. Rogoff sprach von einer "Hexenjagd" und einem orchestrierten Angriff von linken Bloggern und Lobbyisten "wie in den Fünfzigern unter McCarthy", der seine gesamte Arbeit diskreditieren sollte. "Es gab keinen Kampf. Das war ein Massaker." 

Rogoff hatte mit seiner Kollegin Carmen Reinhart in mehreren Studien den Zusammenhang von Wachstum und Schulden untersucht und 2010 die These aufgestellt, dass bei einem Staatsschuldenstand von mehr als 90 Prozent das Wachstum abnimmt. Die Zahl war weltweit bekannt geworden – in der Schuldenkrise richteten Politiker auch ihre Sparpolitik und -vorgaben in Europa daran aus. Das Leben von Millionen Menschen in den Krisenstaaten veränderte sich durch die Auflagen der EU-Krisenmanager. Unternehmen gingen zugrunde, Menschen sanken in Armut ab, Millionen demonstrierten, Generalstreiks legten Länder lahm. 

Vor einem halben Jahr dann fanden drei Ökonomen einen Fehler in Rogoffs und Reinharts Arbeit. Sie erklärten die 90-Prozent-Schwelle für falsch. Auslöser war der Student Thomas Herndon an der Universität Amherst im US-Bundesstaat Massachusetts. Er entdeckte Rechenfehler in einer Excel-Tabelle. Herndon hatte für eine Studienarbeit bereits die veröffentlichen Zahlen ausgewertet, er konnte aber die Erkenntnisse Rogoffs nicht nachvollziehen. Als er sich von dem Ökonomen weiteres Material zuschicken ließ, zeigte sich, dass eine Excel-Tabelle fehlerhaft erstellt wurde, einige Werte waren nicht in die Berechnungen einbezogen.  

Peinlicher Fehler ohne große Bedeutung?

Im April 2013 publizierten Herndons Professor und einer seiner Universätskollegen in der Financial Times die Erkenntnisse des Studenten. Sie erläuterten, dass die 90-Prozent-Schwelle nicht mehr existiere, wenn man die Tabellenfehler korrigiert. Rogoff war danach monatelang nicht zu erreichen. Aus der Universität hieß es, er erhalte Hass-Mails und sei scharfer Kritik ausgesetzt. 

Rogoff räumte in dem Interview den Rechenfehler zwar ein, verteidigt aber das Ergebnis seiner Arbeit. Der Fehler "war peinlich", sagte der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, "aber er hatte keine große quantitative Bedeutung". Er sei "aufgeblasen und bewusst falsch interpretiert" worden. "Der wichtigste Punkt ist nach der ganzen polemischen Hitze, dass mein Kernergebnis steht: Sehr hohe Schulden sind verbunden mit niedrigerem Wachstum", sagte er.

Nur Japan hat höhere Schuldenquote

Rogoff warnt davor, Defizite zu verharmlosen, wie es etwa der Nobelpreisträger Paul Krugman nach der 90-Prozent-Debatte getan hat. "Wenn irgendjemand denkt, dass Rekordschulden in Ordnung sind, dann liegt er falsch. Die Geschichte lehrt das Gegenteil", so Rogoff.

Griechenlands Staatsschuld beträgt zurzeit rund 300 Milliarden Euro, das entspricht 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Wert für Deutschland beträgt 82 Prozent. Höher als Griechenland ist nur Japan verschuldet – mit 245 Prozent des Inlandsprodukts.