ZEIT ONLINE: Meinen Sie damit vor allem die Leute im Kongress?

Cowen: Nicht nur. Auch lokale Verwaltungen sind gefragt. Warum senken sie nicht die Lebenshaltungskosten in San Francisco? Weil das vielen nicht gefällt, die schon lange da sind, weil dadurch der Wert ihres Hauses oder ihrer Wohnung sinkt.

ZEIT ONLINE: Sie experimentieren mit der Marginal Revolution University mit Onlineausbildung. Ist das die Lösung für bildungsferne Schichten?

Cowen: Es ist ein sehr guter Weg, aber selbst hier existieren Risiken. Programmieren zum Beispiel kann sehr leicht ausgelagert werden in Länder wie Indien, die deutlich billiger sind. Es geht darum, diese Fähigkeiten mit anderen zu verbinden, Kontakten vor Ort, kultureller Verankerung, dem Verständnis für lokale Märkte und Psychologie. So schaffen Sie sich eine sicherere wirtschaftliche Nische. Einfach nur programmieren, das können viele Leute lernen.

ZEIT ONLINE: Brauchen wir eine Ausbildungsreform?

Cowen: Die gibt es längst. Ich sehe viele Leute, die mit neuen Modellen experimentieren. Eines davon ist Onlineausbildung, ein anderes Hausunterricht oder Charter Schools, die öffentliche Gelder erhalten, aber privat organisiert sind. Auch mit kostenloser Ausbildung wird experimentiert. Es gibt viele interessante Ansätze.

Es gibt beispielsweise die Idee, dass man nicht mehr gezwungen wird, eine ganze Ausbildung zu absolvieren, wenn man bestimmte Fähigkeiten schon hat. Sie machen dann einen Test, und wenn Sie nachweisen können, dass Sie gewisse Dinge schon beherrschen, bekommen Sie Ihr Zeugnis. Nichts davon ist die alleinige Antwort, aber es gibt viel Innovation und ich bin zuversichtlich.

ZEIT ONLINE: Kollegen von Ihnen, unter anderem Paul Krugman, rechnen aufgrund der wachsenden Ungleichheit mit Revolten. Sie nicht. Warum?

Tyler Cowen: In den USA nimmt die Ungleichheit schon seit den frühen achtziger Jahren zu und trotzdem wird das Land von Jahr zu Jahr sicherer. Schauen Sie sich New York an. Früher war es ziemlich unsicher, heute ist es sicher. Mehr Ungleichheit bedeutet nicht automatisch mehr Gewalt und Kriminalität.

ZEIT ONLINE: Liegt das daran, dass Technologie viele Menschen bequem macht?

Cowen: In gewisser Weise, ja. Die meisten Leute, die heute als arm gelten, wären vor hundert Jahren für reich gehalten worden. Die Armen haben immerhin Kabelfernsehen und Smartphones. Ich sage nicht, dass sie keine Probleme haben. Aber sie sitzen eben in der Regel nicht auf der Straße und müssen um Geld betteln wie die Menschen in Kalkutta. Sie sind einfach nur ärmer als andere Amerikaner.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit Facebook und Twitter? Erhöhen die nicht die Aufmerksamkeit für Ungerechtigkeit?

Cowen: Wenn überhaupt, stabilisiert das die Verhältnisse. Auf Facebook beneiden Sie vielleicht Ihre Verwandten und die Leute, mit denen Sie zur Schule gegangen sind. Aber es lenkt Sie davon ab, Bill Gates zu beneiden und steuert die Aufmerksamkeit auf Leute, die Sie kennen.