Gleich zu Beginn die Frage nach der Lücke. Ein Reporter stellt sie während der Pressekonferenz von Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras und Angela Merkel im Bundeskanzleramt. Wie viel Geld wird Griechenland im kommenden Jahr fehlen, um alle Rechnungen zu zahlen? Samaras schaut verdutzt nach rechts, schaut nach links hinüber zur Kanzlerin, die neben ihm steht, als wollte er sagen: Muss ich nun wirklich diese Frage beantworten? Angela Merkel reagiert, wie sie gerne reagiert – nämlich gar nicht.

Es antwortet schließlich Samaras: Nein, natürlich gebe es keinen Grund zur Sorge. Griechenland sei mit seinem Reformprogramm voll im Zeitplan. Alles bestens also? Es folgt ein kurzer Moment der Stille, dann passiert etwas Bemerkenswertes.

Die Kanzlerin ergreift das Wort. Hebt die Hand, führt Daumen und Zeigefinger zueinander, sodass eine kleine Lücke bleibt. Sie schaut mit einem Auge durch. "Wir reden hier doch über eine halbe Milliarde Euro, vielleicht 1 oder 1,5 Milliarden höchstens", sagt Merkel. Griechenland befinde sich in einem dynamischen Prozess, da könne niemand jetzt voraussagen, ob sich die Steuereinnahmen im nächsten Jahr nicht derart positiv entwickelten, dass die Finanzierungslücke eben ganz klein bleibe. Alles bestens also!

Merkel gibt sich griechisch

So viel Harmonie zwischen der Kanzlerin und einem griechischen Ministerpräsidenten hat es in vier Jahren Schuldenkrise nicht gegeben. Kaum ein Wort der Ermahnung oder Strenge ist zu hören von Angela Merkel an diesem düster-deutschen Novembertag in Berlin, nachdem sie mit Samaras zu Mittag gespeist und die Lage des Krisenlandes erörtert hat. Draußen klatscht kalter Regen an die Scheiben, drinnen kuschlige Wärme und Vertrauen.

Dabei haben die internationalen Kontrolleure von EU und Internationalem Währungsfonds erst am Donnerstag Athen verlassen – erneut mit einem negativen Urteil: Weitere Milliarden aus dem laufenden Hilfsprogramm werden nicht freigegeben, weil es Unstimmigkeiten in der Haushaltsplanung Griechenlands gebe, heißt es. Die Kontrolleure zweifeln an, dass die Finanzierungslücke nächstes Jahr nur bei einer halben Milliarde Euro liege, wie die Athener Regierung sagt. Sie rechnen mit 1,5 bis 2 Milliarden.

Ob nun eine Milliarde mehr oder weniger, was soll's? Die Kanzlerin lässt Milde walten. So griechisch kannten sie die Griechen bisher nicht. Schon vor dem Besuch von Samaras in Berlin lobte Merkel den Reformeifer des Problemlandes, was die Athener Presse erstaunt aufnahm. Fest macht die Kanzlerin ihre neue Freundlichkeit an einem Wert in Griechenlands Haushalt: Die Regierung erzielt 2013 erstmals seit Jahrzehnten wieder einen Primärüberschuss. Das heißt, sie nimmt mehr ein, als sie ausgibt, wenn man die Zinsen für Kredite abzieht.