Wenn diese Zahl tatsächlich aus dem Bundesministerium der Finanzen kommt, dann müsste die Spitze dieses Ministeriums abdanken. 1,8 Millionen Arbeitsplätze stehen internen Berechnungen des Ministeriums zufolge auf dem Spiel, wenn der Mindestlohn und die Rentenpläne der großen Koalition umgesetzt würden. So berichtet es am Donnerstag die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Dabei handelt es sich entweder um eine bewusste Irreführung oder schlichte Inkompetenz. Gewiss: Man kann über den Mindestlohn und die Rentenerhöhung streiten. Insbesondere im Osten des Landes dürfte eine sofortige Einführung einer Lohnuntergrenze von 8,50 Euro wahrscheinlich zu Jobverlusten führen. Und ob es sinnvoll ist, in einer alternden Gesellschaft zusätzliche Rentenleistungen zu beschließen, sei auch dahingestellt.

Entscheidend aber ist: Es gibt auf der ganzen Welt kein Verfahren, um die gesamtwirtschaftlichen Folgen solcher Maßnahmen einigermaßen zuverlässig abzuschätzen. Die ökonomischen Modelle, die für solche Zwecke in der Regel herangezogen werden, können das nicht leisten. Beispiel Rente: Höhere Beiträge belasten den Faktor Arbeit, aber dafür haben die Rentner mehr Geld in der Tasche, was wiederum den Konsum ankurbelt. Ähnliches gilt beim Mindestlohn.

In der Fachwelt ist all das bekannt, weshalb sich seriöse Ökonomen mit quantitativen Aussagen zurückhalten. Der Sachverständigenrat – gewiss kein linksradikales Gremium – hat deshalb auf Modellrechnungen zum Mindestlohn verzichtet. Es zählt also die Kraft des Arguments, nicht die vermeintliche Objektivität der Zahl.

Die Beamten im Finanzministerium wissen in aller Regel, wovon sie reden. Wenn sie trotzdem solche Horrorzahlen in die Welt setzen, dann bedeutet das offensichtlich: Der Minister selbst will die Menschen verunsichern, um die Koalitionsverhandlungen in seinem Sinne zu beeinflussen.

In diesem Fall kann man der SPD nur raten, sich das Finanzministerium zu greifen.