Das Argument hört man noch heute: Ohne den Euro würde es den südeuropäischen Krisenstaaten besser gehen. Würden Griechenland und Spanien ihre alten Währungen einführen, könnten sie diese abwerten lassen. Das würde dem Export nützen. Politiker und Ökonomen wie der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn behaupten das schon lange. Zuletzt machte die Partei Alternative für Deutschland mit einer Version dieser Geschichte erfolgreich Wahlkampf. Aber stimmt sie auch?

Wohl eher nicht, wie eine neue Studie des Berkeley-Professors Andrew Rose zeigt. Rose hat sich Wirtschaftsdaten aus mehr als 170 Ländern vorgenommen und analysiert, wie die unterschiedlichen Staaten durch die weltweite Wirtschaftskrise gekommen sind. Er interessierte sich dabei vor allem für zwei Gruppen von Ländern: Solche, die ihre Währung an die eines anderen Landes gekoppelt hatten und solche, bei denen der Wechselkurs frei schwanken konnte. Vor allem in zahlreichen kleineren Ländern hat die Regierung den Wechselkurs der Währung zum Euro oder Dollar per Gesetz festgelegt.

Damit verzichten diese Länder auf die Möglichkeit, ihre Währung abzuwerten, genau wie es Griechenland und Portugal tun mussten, als sie den Euro einführten. Geschadet hat ihnen das aber meistens nicht, zeigt die Analyse des Berkeley-Ökonomen. Die Wirtschaft entwickelte sich in Ländern mit festem Wechselkurs während der Weltwirtschaftskrise nicht schlechter als in Staaten, deren Regierungen die Währung weiterhin abwerten konnten. Weder beim Wirtschaftswachstum noch in der Leistungsbilanz oder in den Inflationsstatistiken fand Rose deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern.

Die Ergebnisse sind ziemlich überraschend. Sie widersprechen außerdem der gängigen ökonomischen Lehrbuchtheorie. Dort spielt der Wechselkurs einer Währung eine entscheidende Rolle für das Schicksal eines Landes in einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Wenn, wie es zum Beispiel in Griechenland nach dem Ausbruch der Finanzkrise passiert ist, plötzlich weniger ausländisches Kapital ins Land fließt, geht der Überschuss in der Kapitalbilanz zurück. Um das auszugleichen, muss das Defizit in der Leistungsbilanz sinken, zum Beispiel, indem die Exporte steigen. Deswegen ist eine Währungsabwertung, die heimische Produkte für ausländische Käufer billiger macht, ein beliebtes Mittel in kriselnden Ländern. Die Alternative ist schmerzhaft: Man müsste das Defizit in der Leistungsbilanz durch sinkende Importe verringern. In Griechenland ist genau das in den vergangenen Jahren passiert, weil sich viele Menschen wegen der harten Sparprogramme keine importierten Produkte mehr leisten können.

Das Problem sind eher falsche Reformen

In der Theorie spielt die Möglichkeit, die Währung abzuwerten, also eine große Rolle. In der Realität scheinen die Mechanismen aus den Lehrbüchern aber nicht immer zu funktionieren, wie die Daten von Andrew Rose zeigen. Selbst mit einer abwertenden Drachme wäre Griechenland daher wohl nicht viel besser durch die Krise gekommen. Ein Grund dafür könnte sein, dass nicht nur der Preis über die Attraktivität eines Exportgutes entscheidet, sondern auch die Qualität. Wenn die Unternehmen eines Landes keine wettbewerbsfähigen Produkte produzieren, hilft ihnen auch eine Preissenkung über eine schwächere Währung nur wenig.

Die Studie von Andrew Rose hat eine lebhafte Diskussion unter Makroökonomen ausgelöst. Antonio Fatas, Professor an der Business-School INSEAD, zweifelt bereits seit Längerem an den angeblich so segensreichen Wirkungen einer Währungsabwertung. Er verglich die Entwicklung von mehreren europäischen Staaten während der Krise Anfang der neunziger Jahre, als unter anderem der Investor George Soros gegen das Europäische Währungssystem spekulierte. In der Folge stiegen unter anderem Großbritannien, Italien und Spanien aus dem System fester Wechselkurse aus und ließen ihre Währung abwerten. Andere Länder wie Belgien, Österreich und Frankreich blieben bei den festen Kursen. Einen Einfluss auf die Wachstumsraten der Wirtschaft hatte die plötzliche Änderung der Wechselkurse nicht, konnte Fatas zeigen. Er und Rose machen daher nicht die gemeinsame europäische Währung für die Krise in Südeuropa verantwortlich, sondern eine Mischung aus einer fehlgeleiteten Rettungspolitik und ausbleibenden oder falschen Reformen.