Christian Perner ist das genaue Gegenteil davon, wie man sich einen Großrinder-Bauer vorstellt. Er trägt keine karierten Hemden, sondern bunte, mit kritischen Slogans bedruckte T-Shirts. Flip-Flops statt Stiefeln, Dreadlocks statt Filzhut. Abends diskutiert er in Foren über Globalisierung, Menschenrechte, Umweltschutz, anstatt am Stammtisch zu hocken, und das Fliegende Spaghettimonster ist ihm lieber als der sonntägliche Kirchgang. Mein Lieblingsbild von ihm ist seine Facebook-Profil-Foto: die Dreads zurückgebunden, schwarze Plastikbrille auf und mit den Armen bis zu den Ellbogen in der Vagina einer Kuh versunken.

Seine Zukunft entschied sich, als er drei Wochen alt war. "Endlich hast einen Sohn, dann kann ich ja gehen", sagte sein Onkel, der größte Rinderbauer im Ort, zu Christians Vater und schoss sich kurz darauf mit der Flinte in den Kopf. "Weißt, wenn sich der Onkel nicht erschossen hätt, hätt der Vater nie den Hof bekommen, und mein Leben tät jetzt ganz anders ausschauen. Aber irgendwie glaub ich, dass ich eine Mission hab." Christian redet schnell, schwankt zwischen Hochdeutsch und dem Kammersberger Dialekt, den ich oft nur mühsam verstehe. Er ist Bauer aus Leidenschaft und denkt leidenschaftlich gern darüber nach, wie man mit gutem Gewissen Fleisch produzieren und konsumieren kann. Massentierhaltung hinterfragt er gleichermaßen wie biologische Landwirtschaft, kritisiert das EU-Subventionssystem und den blinden Konsumenten, behandelt seine Tiere wie beseelte Lebewesen und hat allen seinen 125 Kühen Namen gegeben. Außerdem bereitet er sich vor, den österreichischen Staat zu verklagen. Bauer Christian Perner ist ein Kämpfer für die Revolution der Landwirtschaft und er ist Philosoph. Um seine Ansätze besser zu verstehen, mache ich mich im Sommer auf in den hintersten Winkel Österreichs, um ein Praktikum als Bergbäuerin bei ihm zu absolvieren.

Im Murtal, dem Niemandsland zwischen Salzburg, Kärnten und der Steiermark, hat jeder Berghang und jedes Tal seine eigene Sprache. Die Fahrt hierher war wie eine Zeitreise. Entlang der Autobahn wurden die Berge stetig bewaldeter und höher, nach jedem Tunnel säumten noch weniger Spuren menschlichen Lebens die Straße. Irgendwann war die Autobahn zu Ende, mündete in Landstraßen, die sich durch Dörfer voller alter Menschen schlängelten. Vorbei an Hängen, die sich der Wald langsam zurückerobert, weil die Jungen aufgeben und diesen Landstrich in den Niederen Tauern verlassen.

Mein Wiener Kennzeichen verursachte irritierte Blicke, und als ich an einer Wegkreuzung vor der Auffahrt auf den Kammersberg stehen blieb und mich konzentrierte, ob links oder rechts, da hörte ein Mann mit der Holzarbeit auf, hielt die Säge in der Hand, als wisse er nicht, wofür sie gut sei, und starrte mein Auto an, als sei er ein Reh, das ich mit dem Fernlicht geblendet hätte. Mein iPhone hatte schon seit 50 Kilometern keine Internetverbindung mehr gefunden, und mit Glück entschied ich mich für die richtige Richtung. Es würde mich nicht wundern, wenn der Mann jetzt noch dort stünde. Christian lacht, als ich ihm dieses Erlebnis erzähle, und dann schildert er, wie der lokalen Bevölkerung letzten Sommer die Augen rausfielen, als er der Rainbow Community, 100 Hippies aus ganz Europa, für die warmen Monate Wiesen zur Verfügung stellte.

"Schau, Bauer sein wär mir nie genug", sagt er, als wir an einem Juli-Nachmittag auf der Terrasse Bier trinken. Mit dem Rücken Richtung der dahinterliegenden leeren Winterställe lehnt er an der Brüstung und bindet seine langen blonden Dreadlocks zu einem gordischen Knoten. Im Tal hat es tropische Temperaturen, hier oben ist es ein angenehmer Julitag. Ich sitze am Betonboden, damit die Katzenbabys meine Beine als Hindernisparcours verwenden können. Seit drei Jahren lebt Christian auf dem Hof, auf dem er geboren ist, und bewirtschaftet ihn, doch er fand noch keine Zeit, auf der Terrasse Fliesen zu verlegen oder zumindest eine Sitzgarnitur aufzustellen. Christian Perner ist im Krieg gegen den österreichischen Staat, gegen die Agrarmarkt Austria, gegen die Landwirtschaftskammer, gegen den Bauernbund, gegen die Supermärkte, gegen gedankenlose Konsumenten – er ist im Krieg gegen die Art, wie der Großteil der österreichischen Landwirtschaft funktioniert. Der altdeutsche Hütehund Bob, dessen hellbraunes Fell mit denselben Dreadlocks durchsetzt ist, wie sein Herr sie trägt, liegt neben uns und achtet darauf, dass die Kätzchen in Herdenformation mit mir spielen. Ich muss lachen. Genauso versessen, wie der Hund auf die Bewahrung der Ordnung ist, will Christian die bestehende Ordnung zerstören.

"Weißt, der Staat Österreich hat überhaupt kein Interesse daran, dass ein Bauer selbständig ist. Mit Subventionen, Vorschriften, Förderkriterien wollen die uns in ihrer Gewalt halten. Und wer steht dahinter? Der Handel. Freie Bauern gibtʼs nimmer. Entweder bist du Sklave der Politik oder Sklave des Handels. Aber ich scheiß auf das alles, ich will frei sein. Ich will meine Viecher so halten, wie ichʼs richtig find."

Christian schimpft, bis sein Handy läutet. Die Kühe sind von der Alm ausgebrochen. "Das nervt, war aber eh klar. Bei der Trockenheit haben sie nicht genug gute Sachen auf der Alm zum Fressen. Und den Zaun hätte ich auch schon lange reparieren sollen", wispert Christian in seinen Bart hinein, und kurz darauf sitzen wir im riesigen Jeep und fahren auf unasphaltierten, mal sandigen, dann wieder mit Schotter bedeckten Straßen immer weiter den Berg hinauf. Mitten im Wald werden wir fündig: Zwischen den hohen Urwaldbäumen, gut auf Farn gebettet, liegt eine Kuh und tut, als sei sie ein Reh. "Jo servas", sagt Christian, "wau wau wau!", macht der Hund, woraufhin die Kuh aufspringt. Sie trabt zu den Kälbern, die hinter der nächsten Kurve auf einer Lichtung liegen. Die getürmte Herde hat tatsächlich Kinderbetreuung organisiert: Während sich die Mutterkühe im Wald sattfressen, hüten drei Kühe auf einer sicheren Lichtung die Kälber. Christian Perner nimmt einen weißen Eimer Salz aus dem Jeep, leert etwas davon aus und schreit "Häääääaylooo", fast wie der Song von Beyonce, "Häääääääylooo", und dann, tatsächlich, aus den Wäldern rundherum kommen die Kühe zusammen, 500 bis 800 Kilo schwere Tiere wackeln gemächlich hinter den Sträuchern hervor. Vollkommen unbeeindruckt von uns oder dem Jeep schlecken sie Salz. "Den Weg, den eine Kuh einmal gegangen ist, vergisst sie ihr Leben lang nicht", meint Christian gelassen, als ich ihn nervös frage, ob wir nicht gar wenig Leute sind, um all die Kühe zu führen. Die Kühe formieren sich, und nachdem Leitkuh Lumpi den Weg eingeschlagen hat, marschiert die Herde zielstrebig zurück auf die Alm. Der Anblick von Hund und Bauer hat gereicht, und auch wenn es etwas viel Interpretation meinerseits ist: Die Kühe schauen drein, als dächten sie: "Scheiße, erwischt, na, dann ab nach Hause."