Am Ende war es wieder einmal eine Einigung auf die letzte Minute. Nach mehr als zwölf Stunden Verhandlungen einigten sich die Finanzminister am Mittwochabend kurz vor Mitternacht auf einen Kompromiss zur Bankenunion. Künftig wird es in Europa nicht nur eine gemeinsame Bankenaufsicht geben, sondern auch einheitliche Regeln für die Abwicklung einer Bank. Die Entscheidung sei der "richtige Beitrag, um eine weitere Stabilisierung des Finanzsektors zu erreichen", sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble. Wie sieht der Kompromiss aus?

Die wichtigste Nachricht für die europäischen Steuerzahler: Sie sollen in der Regel erst am Ende in die Pflicht genommen werden, wenn Banken in Europa ins Trudeln kommen. Zuerst soll die Bank selbst Verantwortung übernehmen. Reicht das Kapital nicht aus, muss das Geldhaus versuchen, sich am Markt zu refinanzieren. Gelingt das nicht, sollen künftig zuerst Eigentümer, Gläubiger und Sparer mit großen Guthaben ihr Finanzinstitut retten. Sie sollen mindestens für acht Prozent der Verbindlichkeiten einer Bank aufkommen – im Ernstfall können das schnell einige Milliarden werden. Erstmals hatte die EU diese neuen Spielregeln in Zypern angewandt, wo im Frühjahr 2013 gleich mehrere große Banken vor der Pleite stehen.

Reichen selbst die Beiträge der Eigentümer und Gläubiger nicht aus, um das Institut abzuwickeln, soll zum ersten Mal ein europäischer Abwicklungsfonds einspringen. Das Besondere: Er speist sich nicht aus Beiträgen der Steuerzahler, sondern aus Beiträgen, die die Banken angespart haben. Über die kommenden zehn Jahre sollen sie rund 55 Milliarden Euro zur Seite legen. In der Anfangsphase soll sich der Fonds selbst über Kredite finanzieren können, die wiederum die Staaten absichern. Am Ende sollen es aber die Banken sein, die diese Kredite zurückzahlen.

Schon heute müssen die deutschen Banken in einen nationalen, bankinternen Abwicklungsfonds einzahlen. Dort haben sich bisher aber erst etwas mehr als eine Milliarde Euro angesammelt. Für den neuen EU-Abwicklungsfonds werden die Beiträge deutscher Bankhäuser weit höher ausfallen. Der bisherige nationale Topf soll langfristig in dem europäischen Abwicklungsfonds aufgehen. Wie kompliziert das im Detail ist, zeigt sich daran, dass der neue Banken-Abwicklungsfonds ausdrücklich erst einmal eine intergouvernementale, also eine zwischenstaatliche Veranstaltung ist, und kein richtiger EU-Fonds.

Als Erfolg werten die Deutschen, dass es direkte Geldspritzen an Banken vom europäischen Rettungsfonds ESM nicht geben soll. Allerdings gibt es einen Umweg: Ein Land kann sich Geld vom ESM leihen, um damit seine Banken zu stabilisieren – muss sich dafür aber einem Reformprogramm unterwerfen. Für schnelle und kurzfristige Lösungen ist das allerdings kaum ein geeigneter Weg.

Besonders heftig haben die Finanzminister über die Abstimmungsmodalitäten gestritten: Wer hat am Ende das letzte Wort über die Abwicklung und entscheidet, wie viel Geld aus dem Bankentopf fließen soll? Dafür soll ein eigenes Gremium gegründet werden, in dem Vertreter der nationalen Bankenaufsichten, des Ministerrats, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank sitzen. Ein offizielles Veto-Recht hat zwar keiner der Beteiligten, aber im Streitfall sollen am Ende immer die EU-Finanzminister entscheiden.

All das klingt extrem kompliziert. Wie praktikabel die Abläufe an einem Krisenwochenende sind, ist völlig offen. Zumal es bislang zwar eine Einigung der Finanzminister gibt, die am Donnerstagabend die EU-Staats- und Regierungschefs offiziell begrüßen werden. Das EU-Parlament muss jedoch auch noch zustimmen.

In Straßburg wünscht man sich vor allem mehr Einfluss für Europa, also für die EU-Kommission. "Die Mehrheit im EU-Parlament von uns favorisiert ein anderes Modell", sagte Sven Giegold, finanzpolitischer Sprecher der Grünenfraktion im EU-Parlament ZEIT ONLINE am Donnerstag. Vor allem der Einfluss der EU-Kommission müsse gestärkt werden: Sie solle am Ende das letzte Wort bei der Abwicklung einer Bank haben – und eben nicht die nationalen Finanzminister, die untereinander Seilschaften pflegten. "Wir wollen verhindern, dass die Bankenabwicklung nach dem Motto läuft: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus."

Die ausgebremste EU-Kommission, die – kaum überraschend – immer favorisiert hatte, selbst das letzte Wort bei der Abwicklung einer Bank zu haben, gab sich am Donnerstag diplomatisch. Der zuständige EU-Kommissar Michel Barnier betonte, dass die Entscheidungen böten "eine gute Grundlage für die Verhandlungen mit dem EU-Parlament". Enttäuscht von der fehlenden Entscheidungsmacht der Kommission sei er nicht. Allerdings konnte er sich einen Zusatz verkneifen "Die EU-Kommission stimmt nicht jedem Punkt zu."