ZEIT ONLINE: Ist die wachsende Ungleichheit unausweichlich?

Manning: Natürlich nicht. Sie können dagegen aktiv etwas unternehmen. In Großbritannien etwa haben sich die Löhne am unteren Rand relativ zu den Durchschnittsverdiensten ganz gut entwickelt – vor allem wegen des Mindestlohnes. Am oberen Ende der Einkommensskala ist die Situation weit schwieriger. In den USA ist diese Entwicklung besonders deutlich. Dort hat vor allem das oberste Prozent der Einkommensbezieher profitiert. Das ist eine Gefahr für die Demokratie. Warum sollten die Bürger noch für Politiker stimmen, die wachsenden Wohlstand fordern – wenn sie davon nichts abbekommen?

ZEIT ONLINE: Was sollte man also tun?

Manning: Für den unteren Rand der Skala kennen wir den Mindestlohn als einen Weg, um die Einkommen anzuheben. Aber für den restlichen Arbeitsmarkt kennen wir den Knopf noch nicht, den wir drücken müssen. Wir wissen, dass die wachsende Ungleichheit auch an der sinkenden Macht der Gewerkschaften liegt. Also schlagen manche vor, dass es eine Renaissance der Gewerkschaften bräuchte – aber diese zu organisieren ist nicht trivial. Andere Forscher wollen die Finanzinstitute regulieren, damit sie nicht mehr so hohe Gehälter zahlen. Das Problem bei alledem ist: Kein Land hat das Problem der wachsenden Ungleichheit so gelöst, dass wir sagen könnten: Lasst uns das kopieren! Selbst in den skandinavischen Ländern steigt die Ungleichheit.

ZEIT ONLINE: Warum ist es überhaupt so wichtig, Ungleichheit zu bekämpfen?

Manning: Wir haben heute ein Wirtschaftssystem, in dem es manchen sehr gut und manchen schlecht geht. Um es deutlich zu sagen: Sie müssen dafür sorgen, dass das System halbwegs fair verläuft, sonst kann es nicht überleben. Es ist allen klar, dass keine einfache Lösung für das Problem der wachsenden Ungleichheit existiert. Aber nicht nur in Großbritannien gibt es Leute, die einfache Antworten auf diese Fragen zur Hand haben: Die fordern dann eben, die Migranten auszuweisen oder Ähnliches. Die Gefahr ist, dass diese Leute in Europa an Einfluss gewinnen. Das würde das Leben von uns allen verschlechtern.

ZEIT ONLINE: Herr Manning, Sie erforschen jetzt seit 30 Jahren, wie Arbeitsmärkte funktionieren. Was hat Ihnen Ihre Forschung zu der Frage gelehrt, was ein guter Arbeitsmarkt ist?

Manning: Ein guter Arbeitsmarkt zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Menschen zwischen Sektoren und Unternehmen frei bewegen können, dass sie Jobs aufgeben und neue aufnehmen können – ohne dass die persönlichen Konsequenzen allzu hoch sind. Wenn Leute ihren Job verlieren, muss der Staat dafür Sorge tragen, dass sie einen gewissen Lebensstandard halten können und dass der Übergang in einen neuen Arbeitsplatz gelingt. In vielen Ländern Südeuropas ist im Moment das Gegenteil der Fall.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Manning: Dort sind fest angestellte Arbeitnehmer sehr gut geschützt, aber wenn sie ihren Job verlieren, ist das eine Katastrophe. Die Konsequenzen sind furchtbar. Das macht den Leuten Angst und ist ein Indiz für ein schlechtes System.

ZEIT ONLINE: Ein guter Arbeitsmarkt ist also einer, auf dem die Menschen möglichst wenig Angst haben?

Manning: Ja, so kann man das sagen.