ZEIT ONLINE: Frau Rohnstock, sie organisieren in Berlin sogenannte Erzählsalons mit ehemaligen DDR-Wirtschaftsführern, am kommenden Sonntag auch eine öffentliche Tagung. Warum tun sie das?

Katrin Rohnstock: Meine Firma schreibt Biografien, darunter auch vor wenigen Jahren die Biografie von Edgar Most, dem letzten Vizepräsidenten der Staatsbank der DDR. Als ich seinen Werdegang hörte, fiel mir auf, wie wenig wir über die Strukturen der DDR-Wirtschaft wissen. Wir müssen die Zeitzeugen befragen, bevor sie sterben. Viele sind schon gestorben oder so krank, dass sie nicht mehr erzählen können.

ZEIT ONLINE: Die frühere DDR-Wirtschaftselite äußert sich selten öffentlich. Wie erklären Sie sich das?

Rohnstock: Viele fühlen sich von den Medien diffamiert. Kurz nach dem Mauerfall gab es noch Artikel in Wirtschaftsmagazinen, in denen stand, wie fähig und gut ausgebildet die DDR-Wirtschaftskapitäne waren. Doch der Mainstream der Meinungen hat sich verändert. Heute gelten die DDR-Manager als diejenigen, die mit Misswirtschaft ein Land ruiniert haben.

ZEIT ONLINE: Und das ist nicht wahr?

Rohnstock: Nein, es stimmt eben nicht. Die wirtschaftliche Realität in der DDR war differenzierter. Zum Beispiel ist es gelungen, allen Menschen im berufsfähigen Alter einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen  – auch wenn manche von ihnen möglicherweise nach heutigen Maßstäben nicht produktiv gearbeitet haben. Ich bin dafür, dass wir das DDR-Wirtschaftssystem besser verstehen, indem wir diejenigen erzählen lassen, die dabei waren.

ZEIT ONLINE: Der Band, den ihr Unternehmen unlängst zu den Gesprächsrunden herausgegeben haben, trägt die Unterzeile Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist. Das dürfte viele Menschen provozieren.

Rohnstock: Aber es ist richtig. Die DDR-Wirtschaft hatte natürlich Schwächen. Aber es gab auch ein großes Wissen über staatliche Planung, das uns heute nützen kann. Zum Beispiel bei der Bewältigung so großer Probleme wie der Energiewende. Uns geht dieses Wissen gerade verloren.

ZEIT ONLINE: Ein Vorwurf gegen die Wirtschaftslenker der DDR lautet, diese hätten im Wesentlichen dem Willen der SED gehorcht.

Rohnstock: Noch so ein Missverständnis. Diese Leute waren nicht bloß parteinah, sie waren zum größten Teil Parteimitglied. Sie haben sich mit dem System identifiziert und alles dafür getan, die gesteckten Ziele zu erfüllen. Das war ihr Anspruch: die Bevölkerung, so gut es geht, mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen. Darauf sind viele auch heute noch stolz.

ZEIT ONLINE: Was machen die früheren Wirtschaftskapitäne der DDR heute?

Rohnstock: Einige haben den Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus an der Spitze der Unternehmen überlebt. Etwa Karl Döring, der frühere Generaldirektor des VEB Stahlkombinats in Eisenhüttenstadt, der nach der Wiedervereinigung Vorstandsvorsitzender der EKO Stahl AG in Eisenhüttenstadt wurde. Andere sind im Unternehmen geblieben oder haben sich selbstständig gemacht. Zum Beispiel Winfried Noack, der nach 1990 ein Pharmaunternehmen mit rund 50 Mitarbeitern führte. Abstiegsgeschichten von DDR-Wirtschaftslenkern nach der Wiedervereinigung sind eher selten.

ZEIT ONLINE: Sind die einstigen Wirtschaftseliten der DDR kapitalismuskritisch geblieben?

Rohnstock: Viele sehen den Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung kritisch, ja. Aber sie sind auch superkritisch, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung in den späteren Jahren der DDR geht. Vor allem auf Günter Mittag …

ZEIT ONLINE: … der von 1976 bis 1989 der zuständige ZK-Sekretär der SED für Wirtschaftsfragen war …

Rohnstock: ... sind sie schlecht zu sprechen. Viele Entscheidungen von Mittag halten sie im Rückblick für falsch. Sie sehen sich selbst als diejenigen, die trotz der wirtschaftlichen Zwänge das Beste für ihr Land getan haben. Und ich finde auch, dafür gebührt ihnen Respekt.

ZEIT ONLINE: Im kommenden Jahr jährt sich zum 25. Mal der Mauerfall. Glauben Sie, dass dadurch eine neue Debatte in Gang kommen könnte – zwischen den Unternehmern im Westen und den früheren Generaldirektoren der DDR?

Rohnstock: Ich hoffe es. Und ich bemerke auch, dass die früheren DDR-Manager sich dafür öffnen. Wir sollten die Chancen zum Dialog nutzen.