Ammar Sinan flucht, holt kurz Luft, zieht an
seiner Zigarette und schimpft sofort weiter. Der syrische Unternehmer sitzt in einem Café in der libanesischen Hauptstadt Beirut,
direkt neben den Souks, einer beliebten Shoppingmall mit
Luxusgeschäften. Hier hat er kürzlich ein Büro eröffnet. Aber Sinan sagt: "Im Libanon verliere ich
fast mehr Geld, als ich verdiene. Ich
muss in diesem Land soviel Schmiergelder zahlen, dass es sich kaum
noch lohnt für mich." Schon zündet er sich die nächste Zigarette an.
Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 pendelt der kräftige Mann mit Glatze und Dreitagebart zwischen seiner Heimatstadt Damaskus und Beirut hin und her. In Damaskus befindet sich bis heute der Hauptsitz seiner Firma "Sinanco", die mit medizinischen Geräten und Telekommunikationstechnologie handelt. Der 47-jährige Elektroingenieur Sinan, der in Oxford studierte, hat das Unternehmen unter Präsident Baschar al-Assad gegründet. Der öffnete den syrischen Markt, Sinan nutzte seine Chance. Nachdem Importzölle und Handelssperren gefallen waren, sei das Geschäft sehr gut angelaufen, sagt er.
Doch von seinen ehemals 37 Mitarbeitern in Damaskus lebt heute keiner mehr in Syrien. Zwei seien während des Krieges umgekommen, erzählt Sinan, die anderen geflohen. Nach und nach seien die Geschäfte immer schlechter
gelaufen. Sinans Firma befindet sich in einem Kampfgebiet. "Die Rebellen
bombardieren, die Regierung bombardiert. An die Explosionen haben wir
uns schon gewöhnt", sagt er.
Zwar arbeiteten immer noch 20 Personen für ihn. Doch
die Fluktuation sei sehr hoch.
Die Syrer fliehen vor dem Krieg: Leute wie Ammar Sinan, die zum Mittelstand gehören, die Elite, die Intellektuellen, die Mittellosen, die Jungen. Mehr als 2,3 Millionen Menschen haben Syrien bereits verlassen, vier Millionen weitere Personen sind Vertriebene im eigenen Land.
4,4 Millionen Einwohner, 1,5 Millionen Flüchtlinge
Die meisten, die Syrien verlassen haben, suchen Schutz im Libanon. So wie Sinan. Doch mittlerweile sind es so viele, dass der Libanon selbst aus dem Gleichgewicht gerät. Der Regierung in Beirut zufolge leben inzwischen rund 1,5 Millionen Syrer im Land (siehe Kasten) – zusätzlich zur libanesischen Bevölkerung von 4,4 Millionen. Das bedeutet: Etwa jeder vierte Einwohner des Libanons ist ein Flüchtling. Die Menschen müssen mit Nahrung, Strom, Wasser und Bildung versorgt werden. Und sie suchen Arbeitsplätze. Doch die Arbeitslosigkeit ist auch unter Libanesen hoch. So entsteht eine ungute Konkurrenz.
Denn der Libanon hat seine eigenen Probleme. Seit März 2013 wird das Land von einer Übergangsregierung gelenkt. Die politische Lage ist instabil. Erst vor wenigen Tagen kamen der Oppositionspolitiker Mohamed Schattah und fünf Begleiter durch einen Bombenanschlag in Beirut ums Leben.
Früher gehörte das Land neben Dubai zu den wichtigsten Reisezielen
arabischer Touristen. Aber seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges
kommen immer weniger Saudis. So fehlen Devisen.
Die Wachstumsaussichten sind trübe. Jeder dritte Libanese zwischen 15
und 24 ist arbeitslos. Die daraus entstehenden Kosten minderten das
Bruttoinlandsprodukt zwischen 2012 und 2014 jeweils um drei
Prozentpunkte, schätzt die Weltbank. Auch das Gesundheitswesen, die Bildung
und das Sozialsystem generell sei durch die Arbeitslosigkeit massiv beeinträchtigt. Schon jetzt lebt eine Million Libanesen in Armut. Die Weltbank erwartet, dass durch die schlechten wirtschaftlichen Perspektiven 170. 000 weitere Personen unter die
Armutsgrenze rutschen.