Es ist eine der tödlichsten und erfolgreichsten Branchen der Welt: Mit dem Handel von Marihuana, Kokain und anderen Drogen erwirtschaften mexikanische Kartelle jedes Jahr allein in den USA einen Umsatz von bis zu 50 Milliarden Euro, schätzt das US State Department. Damit spielen die Drogenhändler in einer Liga mit großen Unternehmen wie dem Softwarekonzern Microsoft oder dem Getränkehersteller Pepsi. Die Kartelle funktionieren immer mehr wie große Konzerne und haben oft mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie legale Unternehmen dieser Größenordnung. Die mexikanische Polizei hat sich deshalb ungewöhnliche Berater an die Seite geholt: Im mexikanischen Drogenkrieg kämpfen seit Kurzem auch Ökonomen mit.

Besonders wertvoll für Polizei und Drogenfahnder sind die Erkenntnisse von Ökonomen, die sich mit Logistikforschung beschäftigen. Sie versuchen mit Modellen zu berechnen, wie Unternehmen ihre Waren möglichst günstig und schnell zu den Kunden bringen können. Solche Modelle müssten doch auch für den Drogenhandel gelten, dachte sich die Harvard-Ökonomin Melissa Dell. Denn auch die Kartelle brauchen eine ausgeklügelte Logistik, um das Heroin von den Mohn-Farmen und Drogenlaboren in Mexiko zu den Kunden in die USA zu bringen.

Melissa Dell machte sich daher daran, die Theorien der Transportforschung im mexikanischen Drogendschungel zu testen. Mit einem Logistik-Modell berechnete sie, welche Straßen und Grenzübergänge Drogenschmuggler benutzen müssen, um ihre Ware möglichst günstig in die USA zu bringen. Anschließend trug sie alle Daten zusammen, die sie über die Aktivitäten der Drogenbanden in Mexiko finden konnte. Dell las Polizeiakten, um herauszufinden, wo die Polizisten die meisten Drogen konfiszierten, und untersuchte anhand von Kriminalitätsstatistiken, wo der Drogenkrieg am heftigsten wütete. Als sie die Polizeiakten mit den Vorhersagen des Modells verglich, stellte sie fest, dass die Drogenkuriere tatsächlich auf den Routen unterwegs waren, die das Modell vorgeschlagen hatte.

Die Logistik-Abteilungen der Drogenkartelle halten sich also offenbar an die neuesten Erkenntnisse der Transportforschung. Damit machen sich die Rauschgifthändler jedoch auch berechenbar, denn das Modell, mit dem Dell die Routen der Drogenkuriere untersucht hat, lässt sich auch als Waffe einsetzen. Es zeigt nicht nur, wie man Drogen am besten durch Mexiko in die USA schmuggelt, sondern auch, wo die Polizei den Drogenkartellen besonders weh tun kann.

Derartige Modelle werden in der Transportforschung zum Beispiel eingesetzt, um herauszufinden, wie Unternehmen auf Hindernisse reagieren können, die ihre normalen Routen blockieren. Wenn eine Autobahnbrücke gesperrt ist oder ein Hafen nicht mehr angefahren werden kann, berechnen die Modelle die optimalen Ausweichrouten. Auch Drogenkuriere müssen ständig Hindernisse umgehen. Wenn Polizei und Armee in einem Gebiet besonders viele Kontrollpunkte aufbauen und die Verstecke der Drogenkartelle durchsuchen, können die Kuriere ihre normale Route nicht mehr benutzen. Ökonomin Dell konnte zeigen, dass die Drogenkuriere auf die Razzien von Polizei und Armee oft exakt so reagieren, wie es die Modelle von Transportforschern voraussagen.

Die Ökonomin kannte daher nicht nur die Routen, auf denen die Drogenhändler ihren Stoff normalerweise schmuggelten. Sie wusste auch, wohin die Kuriere ausweichen würden, wenn die Polizei in einem Gebiet ihre Kontrollen verschärft. Mit diesen Informationen konnte sie berechnen, welche Straßen die mexikanische Polizei kontrollieren müsste, um die Arbeit der Drogenhändler zu erschweren. Am besten wäre es natürlich, alle Straßen rund um die Uhr zu überwachen, doch dafür gibt es in Mexiko nicht ausreichend Polizisten und Soldaten. Die Drogenfahnder müssen daher möglichst effektiv eingesetzt werden und sollten vor allem zentrale Knotenpunkte kontrollieren, die für den Transport des Rauschgiftes besonders wichtig sind. Um diese Punkte zu finden, drehte Dell das Transportmodell um: Statt die günstigste Route zu berechnen, analysierte sie, welche Straßen man blockieren muss, um den Transport so stark wie möglich zu verteuern.

Mit ihrem Modell fand Melissa Dell im Netz der mexikanischen Schmuggelrouten gleich mehrere Wegpunkte, die für die Drogenkartelle besonders wichtig und nur schwer zu umgehen sind. Damit hat sie den Drogenfahndern einen ökonomischen Einsatzplan geliefert: Wenn die Polizei diese Knotenpunkte kontrolliert, steigen die Transportkosten für Drogenkartelle enorm an. Und auf steigende Kosten reagieren Drogenhändler genau wie andere Unternehmen: Sie müssen unrentable Geschäftszweige schließen und es werden weniger Drogen verkauft.

Die Kosten einer Straftat steigen zu lassen, ist eine sehr elegante Art der Verbrechensbekämpfung. Man schlägt dabei die Kriminellen, die oft wie Unternehmen handeln, mit den Waffen der Wirtschaft. Wie man diese Waffen richtig anwendet, können Ökonomen wie Melissa Dell der Polizei beibringen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Ökonomen retten die Welt", das soeben im Finanzbuch Verlag erschienen ist.