In der Ruhe liegt die Kraft, heißt es. Gerd Billen bringt eine Menge davon mit. Egal, ob er über ausufernde Bankgebühren spricht, Betrügereien auf dem Finanzmarkt oder horrende Strompreise, er tut es langsam, meist mit leiser Stimme, fast schon bedächtig. Die höchste Stufe von Aufgeregtheit scheint bei ihm erreicht, wenn er beim Sprechen den Kopf leicht schief legt und dabei seine dichten Augenbrauen ein Stück nach oben hüpfen. Er ist ein Mann, der sich selbst "eine begrenzte Erregungsfähigkeit" zuschreibt.

Dabei gehört das Aufregen bei Gerd Billen zum Beruf. Derzeit ist er Deutschlands oberster Verbraucherschützer und Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). In der Großen Koalition wird er jetzt zum Staatssekretär im neuen Justiz- und Verbraucherschutzministerium. Und es könnte sein, dass er mit seiner ruhigen Art genau das bewirkt, was viele schon lange hoffen: dass der Verbraucherschutz in diesem Land endlich den ersehnten Schub bekommt.


Es sind nämlich gleich zwei Neuerungen bei der Regierungsbildung, die aufhorchen lassen und Anlass zu dieser Hoffnung geben: Zum einen wird der Bereich des Verbraucherschutzes vom Landwirtschaftsministerium abgetrennt, woran er bisher angedockt war, und stattdessen dem Justizministerium zugeschlagen. Dieses wird nun auch von der SPD besetzt, nämlich vom bisherigen saarländischen Wirtschafts- und Energieminister Heiko Maas. Schon diese Neuzuordnung könnte den Verbraucherschützern zu mehr Durchsetzungsvermögen verhelfen. Denn an Ideen, wie die Rechte von Kunden und Konsumenten zu schützen seien, mangelte es bisherigen Ministern nicht. Nur scheiterten viele daran, dass sie sich nicht gegen die starke Lobby der Ernährungs- und Finanzmarktindustrie durchsetzen konnten. Billen selbst hatte als oberster Verbraucherschützer genau diese Verlagerung vom Agrar- zum Justizministerium gefordert, weil es wenig sinnvoll sei, wenn sich Politiker "tagelang durch Veränderungen der Gülleverordnung quälen, statt sich um Verbraucherfragen zu kümmern".

Das neue Kabinett – Klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen. © ZEIT ONLINE

Billen ist seit sechs Jahren Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Der Bundesverband bündelt die Interessen der 16 Verbraucherzentralen sowie 25 weiterer Organisationen, die sich für Fragen der Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz, Energiepreise und Finanzmarktregulierung einsetzen. Billen nennt sich als einen "Grünen der ersten Stunde", war schon in den achtziger Jahren für die Partei aktiv. Er hat sie als Stadtrat in seiner Heimatstadt Bonn vertreten und trat als Spitzenkandidat der Grünen bei der Bundestagswahl 1990 an. Für ihn ist Verbraucherschutz weit mehr als ein politisches Schlagwort, das Politiker gern in den Mund nehmen, um beim Wähler anzukommen. Billen ist einer, der seit 30 Jahren tatsächlich selbst dafür kämpft.

Nach seinem Studium war der Ernährungs-, Sozial- und Haushaltswissenschaftler zuerst freier Journalist und Pressesprecher des Bundesverbands Bürgerinitiative Umweltschutz (BBU). Später hat er gleich selbst Verbände mitbegründet und auch geleitet, etwa die Verbraucherinitiative e.V. und Neuland-Fleisch. Er machte sich einen Namen als Sprecher für Holzschutzmittelgeschädigte und stritt für fairen Handel und gesunde Lebensmittel. Zwölf Jahre lang war Billen außerdem Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbunds NABU, bevor er zur Otto Group wechselte und die Produktion des Handelskonzerns auf ökologisch trimmte, als Leiter des Bereichs Umwelt- und Geschäftspolitik. Zwei Jahre später, 2007, wechselte er zum VZBV nach Berlin. Vorstand des Verbraucherzentralen-Bundesverbands zu sein, sagte er bisher, sei sein Traumjob.

Verbraucherschutz ist sein Anliegen

Gestört hat ihn dabei vor allem eines: Die dünne Finanz- und Personalausstattung, unter der die Verbraucherverbände leiden. Sie vertreten direkt acht Millionen Mitglieder und indirekt die Interessen aller über 80 Millionen deutschen Kunden. Die Themen, mit denen sich die Verbraucherschützer beschäftigen und in denen sie Kunden Hilfestellung bieten sollen, werden dabei immer umfangreicher und decken neben den üblichen Geld-, Kredit- und Versicherungsfragen längst auch die ausufernden Bereiche Energie, Telekommunikation und Pflege ab. Zusätzliches Geld bekommen die Verbraucherzentralen dafür allerdings nicht, sondern seit Jahren nur die rund 60 Millionen Euro vom Verbraucherministerium. Zusätzlich finanzieren sie sich aus dem Verkauf von Ratgebern. Die Zahl der Beratungsstellen ist folglich über die Jahre mächtig zusammengeschrumpft, sodass Kritiker monieren, selbst in Großstädten gebe es keine Verbraucherberatung mehr zu elementaren rechtlichen oder finanziellen Fragen.

Billen kritisierte das ruhig, aber deutlich: "Leider hat die Unterstützung der Verbraucher durch die Politik nicht mitgehalten mit der Schnelligkeit, in der Bereiche wie Telekommunikation, Energieversorgung, Versicherungen und Finanzdienstleister den Markt mit Angeboten überflutet haben. Die Leute sind genervt. Sie kommen mit der Beantwortung der viele Fragen nicht mehr hinterher." Ebenso prangerte er auch die "Abzocker im Internet" an oder warf der Bankenbranche vor, sie glaube, "sie könnte ihren eigenen Ehrenkodex leben und müsste sich nicht an Recht und Gesetz halten".