Ruth Anne Freeborn hat sich gegen Amerika entschieden. Freeborn, 56 Jahre alt, geboren im US-Staat Oklahoma, zog bereits Anfang der achtziger Jahre nach Kanada, wo ihr Mann lebt. Eigentlich wollte sie dort amerikanische Staatsbürgerin bleiben. Doch nun ist ein Gesetz dazwischengekommen, das aus ihrer Sicht zu weit geht.

Das Gesetz heißt Foreign Accounts Tax Compliance Act, kurz: FATCA. Der US-Kongress hat es bereits 2010 auf Drängen von US-Präsident Barack Obama beschlossen, in Kraft ist es seit Anfang des Jahres. Es sieht vor, dass ausländische Banken der amerikanischen Steuerbehörde IRS melden müssen, wenn Amerikaner mehr als 50.000 Dollar auf einem ausländischen Girokonto, Wertpapierdepot oder Sparbuch investiert haben. Der amerikanische Staat will damit verhindern, dass seine Bürger Steuern im Ausland hinterziehen. Eine Studie der Universität von Wisconsin ergab zuletzt, dass dem Staat auf diese Weise jedes Jahr bis zu 500 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen entgehen.

Auch Ruth Anne Freeborn ist von dem Gesetz betroffen. Ihr Mann verdiene rund 51.000 Dollar im Jahr, sagt sie, das Geld werde als Haushaltseinkommen versteuert. Da Freeborn einen amerikanischen Pass hat und im Ausland lebt, geriet sie wegen der Einkünfte ihres Mannes ins Visier der Steuerfahnder. Der IRS, sagt Freeborn, habe von der kanadischen Bank Informationen eingefordert – wogegen ihr Mann protestiert habe. "Wir zählen nun wirklich nicht zu den Reichen und sind erst recht nicht Steuerhinterzieher", sagt Freeborn. Am Ende sei ihr deshalb nur die Wahl zwischen zwei Übeln geblieben: entweder den Steuerfahndern Einblick auf die Konten zu gewähren oder die Staatsangehörigkeit zu wechseln. Sie entschied sich für Letzteres.

Freeborn ist mit ihrer Entscheidung nicht allein. Seit das Gesetz in Kraft ist, widerrufen mehr Amerikaner denn je ihre Staatsbürgerschaft. Allein zwischen April und Juni haben nach Angaben der Steuerbehörden 1.130 US-Bürger ihren Pass zurückgegeben, mehr als im gesamten Jahr 2012. Bis zum Ende des Jahres könnten es Schätzungen zufolge mehr als 5.000 Bürger sein, die Schweizer, Kanadier oder Bürger der Cayman Islands werden. Das alles geschieht ausgerechnet in dem Land, in dem der patriotische Spruch "Stolz, ein Amerikaner zu sein" häufig auf T-Shirts oder Aufklebern zu lesen ist.

Für die Befürworter des Gesetzes ist das kein Grund zur Panik. Einer von ihnen ist Timothy Geithner.

Lieber Pass abgeben

Geithner war bis Januar Finanzminister, er hat das Gesetz maßgeblich mit auf den Weg gebracht. Dass nun mehr Amerikaner auf ihre Staatsbürgerschaft verzichten, findet Geithner "bedauerlich", aber letztlich bleibe das jedem selbst überlassen. Präsident Obama, so Geithner, wolle eben nicht nur die Steuerflucht multinationaler Konzerne bekämpfen, sondern auch verhindern, dass Privatbürger ihre Steuern hinterziehen. "Das muss sein", sagt er.

Tatsächlich erhofft sich die Politik von FATCA vor allem eines: steigende Einnahmen. James Henry, früher Chefökonom der Beraterfirma McKinsey, hat errechnet, dass Bürger weltweit 21 Billionen Dollar auf Konten in Offshore-Finanzplätzen gehortet haben.  Das entspräche der jährlichen Wirtschaftsleistung von Japan und den USA zusammen. Mindestens ein Drittel der versteckten Gelder entfällt auf Amerikaner. Die Steuerbehörden der USA hatten auf dieses Geld bisher keinen Zugriff. Fred Bergsten, Gründer des Peterson Institute for International Economics in Washington, sagt: "Wenn es gelänge, auch nur einen Teil der ungezahlten Steuern einzutreiben, würde dies einen nicht unerheblichen Beitrag zum Abbau der Neuverschuldung und Sanierung der Staatsfinanzen leisten."

Gegner des Steuergesetzes sehen das anders. Sie argumentieren, dass Gesetz treffe offenkundig nicht nur wohlhabende Steuerhinterzieher, sondern auch Bezieher mittlerer Einkommen – so wie Ruth Anne Freeborn.

Es wird schwerer, ein Konto zu eröffnen

Das Gesetz hat offenbar noch eine andere Nebenwirkung. Viele Amerikaner im Ausland machen derzeit die Erfahrung, dass es schwerer wird, ein Konto zu eröffnen. "Ich stehe Amerikanern nicht mehr zu Verfügung, auch nicht den Reichen, bei uns werden für sie keine Konten oder Depots mehr eröffnet", sagt Su Shan Tan von der DBS Bank in Singapur. Das Institut ist gemessen am Volumen der größte Kreditgeber in Südostasien. "Es ist ein drakonisches Regelwerk, das die US-Regierung uns aufbürdet, und wir wollen damit nichts mehr zu tun haben." Auch in europäischen Ländern, wo US-Millionäre ihr Geld in Sicherheit wähnen, scheuen die Banker immer mehr das Geschäft mit Amerikanern. Für die Reichen mag das ein weiterer Grund sein, die Nationalität zu wechseln.

Die Steuerbehörde IRS argumentiert hingegen, dass die Steuerpflichtigen generell irren, wenn sie glauben, sich durch einen Wechsel der Nationalität dem Fiskus entziehen zu können. Bestehende Steuerschulden blieben gültig – egal ob der Steuerpflichtige nun Schweizer oder Amerikaner sei. Zudem ist der Rücktritt vom amerikanischen Pass nicht ganz kostenlos: Der Staat erhebt eine staatliche Austrittsgebühr.