Es ist ein langer Brief, der vor zwei Wochen im Briefkasten der Briefzusteller landete. Ein Brief, der im Ton freundlich klingt, aber auch bestimmt. Unterschrieben hat Axel Stirl, der Vorstandsvorsitzende der PIN AG, eines privaten Postdienstleisters in Berlin mit etwa 700 Zustellern. Und er macht darin seinen Mitarbeitern ein mindestens unmoralisches Angebot – so sieht es die Gewerkschaft.

Seit Wochen tobt bei PIN ein Arbeitskampf, geführt in einer Härte, die an längst vergangene Zeiten erinnert. Die Gewerkschaft ver.di fordert eine Lohnerhöhung um 10,5 Prozent. Sechs Mal trafen sich beide Seiten zu Verhandlungen, Ende November wurden die Gespräche für gescheitert erklärt. Ver.di ließ seine Mitglieder über einen unbefristeten Streik abstimmen, 97,4 Prozent entschieden sich dafür. Kurz darauf verschickte Geschäftsführer Stirl den Brief, der nicht nur die Gewerkschaft empört.

"Wir werden Ihnen mit dem Januargehalt eine Prämie auszahlen, wenn Sie sich an einem solchen Streik nicht beteiligen", heißt es in dem Schreiben, das ZEIT ONLINE vorliegt. Die Prämie werde 550 Euro brutto betragen, davon würden 300 Euro netto noch vor Weihnachten ausgezahlt. Und weiter: "Wir möchten mit dieser Prämie Ihre besondere Treue zu Ihrem Arbeitgeber belohnen."

Streikende Mitarbeiter ausgesperrt

Der Aufruf scheint nicht viel genutzt zu haben. Am vergangenen Freitag und Samstag starteten die etwa 230 in der Gewerkschaft organisierten Mitarbeiter eine erste Streikaktion. PIN war es nach ver.di-Angaben kaum noch möglich, den normalen Betrieb mit den restlichen Zustellern weiter aufrechtzuerhalten. Und das bleibt in Berlin keinesfalls folgenlos: Schließlich erledigt das Unternehmen in der Hauptstadt die komplette Behördenpost.

Prompt eskalierte die Auseinandersetzung. Als die Gewerkschaftsmitglieder am Montag nach dem Streik zur Arbeit kamen, wurden sie nicht in die Firma gelassen: "Hausverbot!" Auch das ist ein Mittel des Arbeitskampfes, zu der Arbeitgeber allerdings in Deutschland äußerst selten greifen. Daraufhin sind die Gewerkschafter ihrerseits in den unbefristeten Streik getreten. 

Ver.di-Sprecher Jan Jurczyk sagt, einen derart heftigen Streit wie nun mit PIN habe er schon sehr lange nicht erlebt. Die von dem Unternehmen ausgelobte Prämie für Streikbrecher nennt er sogar "eindeutig rechtswidrig". Das Bundesarbeitsgericht habe in früheren Urteilen klargestellt, dass eine Schlechterstellung von streikenden Mitarbeitern nicht erlaubt sei. Er könne sich nicht daran erinnern, dass ein Unternehmen in Deutschland zu solch drastischen Mitteln greife, um die Mitarbeiter zu spalten.

Das sieht Geschäftsführer Stirl naturgemäß anders. Ja, lässt er seine Pressesprecherin ausrichten, es hat diesen Brief gegeben und er ging an alle Mitarbeiter. Und nein, eine Prämie für Streikbrecher sei nicht verwerflich oder verboten, sondern ein legitimes Mittel. Außerdem habe man den Mitarbeitern seit jetzt einem Dreivierteljahr eine Gehaltsverbesserung in Aussicht gestellt. Doch ver.di sei stur und stelle unverhältnismäßig hohe Forderungen.

Wie es nun weitergeht? Das weiß keiner so genau. Die Gewerkschafter sind jedenfalls entschlossen, ihren Streik weiterzuführen, sie werden ohnehin nicht mehr in die Firma gelassen. Und Stirl sagt, ver.di müsse an den Verhandlungstisch zurückkehren, sonst ruiniere die Gewerkschaft das Unternehmen.