Von H&M bis BOSS – Gibt es bei den großen Brands Fair Trade? Die Infografik auf ZEIT ONLINE verrät es Ihnen. © ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Ist es nicht vor allem Aufgabe der indischen Behörden, gegen Kinderarbeit vorzugehen?

Cheria: Indem sie Sumangali als Ausbildung ausgeben, unterlaufen die Fabrikbesitzer das Recht auf Schulbesuch und den Anti-Child-Labour-Act. Dennoch müsste der Staat natürlich sicherstellen, dass Kinder in die Schule gehen und nicht in Fabriken arbeiten. Und für die Volljährigen müssen acht Stunden Arbeitszeit, Urlaubstage und Mindestlohn garantiert werden. Aber die Textilunternehmer haben sehr viel Einfluss und werden immer mächtiger. Der Druck muss aus dem Ausland kommen. Für NGOs und Menschenrechtsgruppen ist es fast unmöglich, die Mädchen ohne Unterstützung der Behörden aus den Fabriken zu holen.

ZEIT ONLINE: Selbst dort, wo Sumangali bekannt ist, wird nichts unternommen?

Cheria: Im Oktober wurden mit Hilfe der Polizei 47 Sumangali-Mädchen aus einer Fabrik im Nordwesten von Tamil Nadu befreit. Das war ein Glücksfall! Der zuständige Gouverneur war gerade neu in die Region versetzt worden und ist einfach unschuldig den geltenden Gesetzen gefolgt. Normalerweise werden die Behörden von den Textilfabriken und Spinnereien bestochen. Und wer keine Genehmigung hat und kein Mitarbeiter ist, kommt in die Fabriken nicht rein. Das sind Hochsicherheitszonen. Damit ja niemand sieht, was drinnen passiert.

ZEIT ONLINE: Was könnten europäische Modefirmen tun, um diese Zustände zu beenden?

Burckhardt: Eine Möglichkeit ist Transparenz.

Cheria: Die meisten Mode- und Textilfirmen machen keinerlei Angaben darüber, woher sie ihre Waren beziehen, wo gefertigt und was eingekauft wird – von der Baumwolle über das Garn zum Stoff bis zum fertigen Kleidungsstück. Diese ganze Kette wird versteckt. Die Unternehmen sollten gezwungen werden, die Namen der Zulieferer öffentlich zu machen. Damit steigt der Druck, die Lieferkette sauber zu halten.

Burckhardt: Außerdem werden jeden Tag Hunderte von Kontrollen in Fabriken durchgeführt, aber die Ergebnisse dieser Audits sieht nur der Fabrikant und vielleicht der Einkäufer. Auch das muss öffentlich gemacht werden. Und wir fordern die Einführung einer Unternehmenshaftung, denn bislang können im deutschen Strafrecht nur Einzelpersonen belangt werden. Der nordrhein-westfälische Justizminister plant gerade die Einführung eines spezifischen Unternehmensstrafrechts. Wir sind gespannt, was daraus wird. Die Opfer aus den Produktionsländern müssen zudem die Möglichkeit erhalten, die Auftraggeber in Deutschland auf Schadensersatz zu verklagen.

ZEIT ONLINE: Dass die Firmen bei diesen Forderungen Angst um ihre Wettbewerbsfähigkeit haben, lassen Sie nicht gelten?

Burckhardt: Es gibt Menschenrechtsstandards, die unter allen Umständen einzuhalten sind, egal wie hart der Wettbewerb ist. Sumangali ist eine Form der Schuldknechtschaft oder der Sklaverei. Das lässt sich durch nichts rechtfertigen. Nach den UN-Prinzipien für Wirtschafts- und Menschenrechte sind Unternehmen verpflichtet, für ihre gesamte Lieferkette Vorsorge zu treffen. Da kann der Kostendruck noch so hoch sein.