ZEIT ONLINE: Herr Schmidt, warum zieht es so viele Migranten nach Deutschland?

Manfred Schmidt: Weil es der deutschen Wirtschaft gut geht und die Unternehmen gute Arbeitsbedingungen bieten – aber nicht nur deshalb. Auch familiäre Gründe bringen Einwanderer hierher, und viele kommen auch wegen der guten Hochschulen. Darauf kann Deutschland wirklich stolz sein: Wir hatten im Jahr 2012 rund 80.000 neue ausländische Studierende in Deutschland. Das ist der höchste Wert, den wir jemals in unseren Migrationsberichten gemessen haben.

ZEIT ONLINE: Die Zahl der Auswanderer steigt aber auch.

Schmidt: Es kommen mehr Menschen als gehen, und die, die hier sind, bleiben länger. Im Jahr 2012 hatten wir einen sogenannten Wanderungsgewinn von etwa 370.000 Personen. Das ist ein Trend, der anhalten wird, davon gehen wir aus – zumindest, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so bleiben. Dennoch muss Deutschland noch stärker um Einwanderer werben.

ZEIT ONLINE: Wodurch?

Schmidt: Die Familien müssen sich hier wohl fühlen. Am Ende entscheidet nicht der Job darüber, ob die Fachkräfte auf Dauer bleiben, sondern Partner und Kinder. Wir müssen uns also auch um sie kümmern. Die Partnerinnen und Partner sind oft ebenfalls hochqualifiziert. Den Kindern müssen wir helfen, möglichst schnell den Einstieg in unser Bildungssystem zu schaffen. Das muss ein Gesamtkunstwerk sein. Nur dann ist Deutschland für Einwanderer attraktiv.

ZEIT ONLINE: Brauchen wir denn überhaupt mehr Zuwanderer?

Schmidt: Wir sind auf sie angewiesen, denn wir spüren den demografischen Wandel und den Mangel an Fachkräften schon jetzt. Prognosen zufolge wird die Zahl der Erwerbsfähigen bis zum Jahr 2050 um 17 Millionen Personen abnehmen. Das belastet unser Sozialsystem enorm, zum Beispiel die Rentenkassen. 

ZEIT ONLINE: Es kommen ja aber nicht nur die Jungen, gut Ausgebildeten nach Deutschland.

Schmidt: Natürlich nicht. Aber insgesamt sind die Einwanderer jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Drei Viertel sind jünger als 40, das ist ein höherer Anteil als in der Gesamtbevölkerung, und nur 1,7 Prozent sind älter als 65. Die Neuankömmlinge sind auch qualifizierter. 41 Prozent der Neuzuwanderer im erwerbsfähigen Alter haben einen hohen Bildungsabschluss, in der Gesamtbevölkerung gleichen Alters sind es nur gut 28 Prozent.

ZEIT ONLINE: Neben Polen und Ungarn kommen die meisten Einwanderer laut Migrationsbericht aus Rumänien und Bulgarien. Ist die Angst vor der sogenannten Armutszuwanderung aus Osteuropa berechtigt?

Schmidt: Natürlich darf man nicht verschweigen, welche Schwierigkeiten Städte wie Duisburg oder große Ballungszentren wie Berlin und München haben. Aber das ist kein flächendeckendes Problem, und es wird auch keines werden. Unter den in Deutschland lebenden Bulgaren und Rumänen im erwerbsfähigen Alter hatten Mitte 2013 rund 60 Prozent eine Arbeit. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei 7,4 Prozent. Das ist knapp unter dem deutschen Durchschnitt, und weit niedriger als die Arbeitslosenquote aller Einwanderer.

ZEIT ONLINE: Ist die oft geäußerte Befürchtung, dass gut ausgebildete billige Fachkräfte aus dem Ausland uns die Jobs wegnehmen, also doch berechtigt?

Schmidt: Nein. Besonders im Pflegebereich können offene Stellen schon jetzt nicht besetzt werden. Es gibt einfach nicht genügend Bewerber, deshalb sind wir auf Einwanderer angewiesen. Das ist aber auch in der Bevölkerung angekommen. Im jüngsten Deutschlandtrend sagten zwei Drittel der Befragten, dass wir unbedingt qualifizierte Zuwanderer brauchen. Da hat die Diskussion um den demografischen Wandel, Fachkräftemangel und Pflegenotstand viel bewirkt.