Selten war das Leben für deutsche Arbeitsminister so angenehm wie derzeit. Andrea Nahles konnte in den ersten Wochen im neuen Job einfach da weitermachen, wo ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen aufgehört hatte, und die neuesten Jubelmeldungen vom Arbeitsmarkt kommentieren: Rekordbeschäftigung, die zweitniedrigste Arbeitslosenquote in Europa.

Im Büro von Bodo Kalveram ist von der guten Stimmung allerdings wenig zu spüren. Der Leiter des Jobservices in der Stadtverwaltung Essen kümmert sich mit seinem Team hauptsächlich um Empfänger von Arbeitslosengeld II. Rund 800 Menschen vermittelt er jeden Monat in einen neuen Job. "Doch oft kommen dann auch etwa genauso viele in den Leistungsbezug neu hinzu", sagt er.

Es sind ähnliche Geschichten, die Kalveram seit Jahren immer wieder hört. Über Menschen, die seit der Einführung der Hartz-IV-Regelung im Jahr 2005 fast durchgehend ALG II bekommen. Die schon Dutzende Bewerbungstrainings durchlaufen haben, manchmal einen Job finden, ihn oft aber nach kurzer Zeit wieder verlieren. Dass die deutsche Wirtschaft seit Jahren wächst und die Stimmung in den Unternehmen hervorragend ist, hilft diesen Menschen nicht. "Wir spüren von der allgemeinen Konjunkturlage sehr wenig", sagt Kalveram.

Das sieht man auch an den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Auch die jubelte in ihrem Rückblick auf das Arbeitsmarktjahr 2013, dass es in Deutschland inzwischen so wenige Hartz-IV-Empfänger gebe wie noch nie. Doch eigentlich geben ihre Zahlen wenig Grund zur Ausgelassenheit. Sie machen vielmehr deutlich, dass der Arbeitsmarkt ein großes Problem hat: den harten Kern.

Hartz-IV-Zahlen machen Konjunkturbewegungen kaum mit

Rund 4,4 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr Leistungen nach Hartz IV bekommen. Das sind gerade mal 500.000 weniger als bei der Einführung des Arbeitslosengeldes II. In den acht Jahren gab es in den Hartz-IV-Statistiken auch nur wenig Bewegung. Dabei waren es turbulente Zeiten: 2008 ließ die Finanzkrise die Weltwirtschaft abstürzen, ab 2010 ging es wieder aufwärts und die deutsche Wirtschaft wuchs teilweise mit vier Prozent pro Jahr. Doch obwohl die Konjunktur Achterbahn fuhr, blieb die Zahl der Hartz-IV-Empfänger erstaunlich stabil. Zwar gab es seit 2010 durchaus einen messbaren Rückgang. Er war aber deutlich schwächer, als es Wirtschaftswachstum und eine schrumpfende Bevölkerung vermuten ließen.

Gleichzeitig haben noch nie so viele Menschen in Deutschland einen Job gehabt wie derzeit. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg 2013 auf 41,84 Millionen Menschen. Die Unternehmen schaffen also Jobs, doch vielen Arbeitslosen hilft das nicht. Ein Grund dafür: Die Unternehmen stellen lieber gut ausgebildete Zuwanderer ein. "Die bisherigen Instrumente der Arbeitsvermittlung stoßen an ihre Grenze", sagt Werner Eichhorst, Direktor Arbeitsmarktpolitik Europa am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

Die Arbeitsmarktpolitik steht daher vor einer großen Herausforderung. Das System des Förderns und Forderns, das im Zentrum der Hartz-Reformen stand, wirkt nicht mehr. Für den harten Kern braucht es neue Ideen. Wie könnten die aussehen?