Der Stempel war schnell aufgedrückt: Das diesjährige Treffen des World Economic Forum steht erstmals seit Langem nicht im Zeichen einer großen Krise. Keiner Bankenkrise, keiner Staatsschuldenkrise, keiner Wachstumskrise. Tatsächlich ist das Aufatmen überall zu hören. Die riesige dunkle Wolke über allem hat sich verzogen. Das Wort Krise wird eher historisch als aktuell benutzt.

Warum auch nicht? Internationale Organisationen wie der Währungsfonds aus Washington haben ihre Konjunkturprognosen für das laufende Jahr angehoben, die Euro-Zone hat das Tal der andauernden Schrumpfung verlassen und die Finanzmärkte haben sich beruhigt, soweit es um Staatsschulden geht.

Keiner verkörperte in Davos bisher mehr Tatkraft und Optimismus als der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe, der den versammelten Wirtschaftslenkern zum Auftakt die drei "Pfeile" seiner  Politik erklärte, genannt Abenomics:

Die Politik des extrem billigen Geldes, die wieder zu Wachstum geführt habe, und erstmals seit mehr als zehn Jahren den Arbeitnehmern zusätzliche Kaufkraft verschaffe. Die flexible Fiskalpolitik, die erst einmal noch mehr Schulden als gewohnt aufnimmt, dann aber mit Sparmaßnahmen und neuen Verbrauchsteuern das Defizit verringern soll. Und schließlich der Versuch, private Investitionen zu fördern, Energiemärkte zu liberalisieren, Japans Vorreiterrolle in der Medizin aufzubauen – mit einem Wort: mehr Dynamik in die Unternehmen zu bringen.

Seine Regierung habe große, unbesiegbar scheinende Lobbys besiegt und liberalisiere Wirtschaftsbereiche, die bislang als unantastbar galten, sagte der Regierungschef stolz und laut auf Englisch.    

Keine Wiederauferstehung des Kapitalismus

Wenn Japan es schaffen kann nach fast zwei verlorenen Jahrzehnten, dann auch die Welt, oder? Und doch, und doch: Es ist ein merkwürdig verhaltener Optimismus, ganz anders, als es die Rekordstände der Weltbörsen erwarten lassen. Jede optimistische Einschätzung wurde von der Warnung begleitet, dass die Gefahren groß seien und die Experten nicht sicher sein könnten. Davos, eine Feier der Wiederauferstehung des globalen Kapitalismus? Mitnichten!

Die Risiken sind einfach zu sichtbar, und niemand ist bereit, sie wie vor der großen Krise einfach auszublenden. Eine der ersten Fragen nach seiner Rede traf den Japaner Abe an seiner verwundbarsten Stelle: Sind die Staatsschulden von mehr als zweimal der jährlichen Wirtschaftsleistung wirklich erträglich für die japanische Volkswirtschaft? Kaum ein Land hat eine höhere Quote. 

Abes Antwort war naturgemäß schwach. Mit neuem Wachstum solle das laufende Defizit reduziert und schließlich eliminiert werden. Doch das Risiko dieses Planes konnte der neue Liebling der Weltfinanzmärkte auch nicht wegreden. Das Wachstum kann auch wieder verschwinden, bevor es die Neuaufnahme von Schulden verhindert.  

Das kann zum Beispiel geschehen, falls Abe seine Politik nicht durchhält, etwa weil die Liberalisierung zu viele Verlierer schafft. Und noch schneller kann es dazu kommen, wenn im Rest der Welt die erheblichen noch vorhandenen Gefahren für die Wirtschaft greifen.