Müller: Die zivilen Helfer werden bleiben, wenn die Isaf-Truppe das Land verlässt. Um ihre Sicherheit zu garantieren, brauchen wir ein zwischen allen Beteiligten abgestimmtes Konzept. Ganz ohne die Präsenz der internationalen Truppen und der Bundeswehr wird es aber nicht gehen – wir können uns nicht komplett auf afghanische Sicherheitskräfte verlassen.

Wir brauchen ebenso eine Grund- und Erstversorgung auf höchstem Niveau im medizinischen Bereich. Beides sind Voraussetzungen dafür, dass die Entwicklungshelfer weiter in Afghanistan arbeiten können.

ZEIT ONLINE: Wenn die Bundeswehr nicht ganz aus Afghanistan rausgeht – an welche Dimensionen denken Sie da?

Müller: Wir sprechen im Moment mit der Verteidigungsministerin genau über diesen Punkt. Die afghanische Regierung verhandelt mit den Amerikanern über ein Sicherheitskonzept. Vor allem geht es aber natürlich um die Frage: Was wird aus Afghanistan? Es wäre ein Desaster, wenn wir in fünf Jahren feststellen: Das, was wir bisher erreicht haben, die Schulen, die gebaut wurden, die Infrastruktur, die Krankenhäuser, all das ist wieder kaputt gegangen.

Was wir an Militär abbauen, müssen wir im zivilen Bereich versuchen zu stabilisieren und auszubauen. Das heißt auch mehr Geld und mehr Einsatz, wenn man in Afghanistan auf mittlere Sicht eine positive Perspektive schaffen will.

ZEIT ONLINE: Ein weiterer Fokus Ihrer Arbeit soll auf Afrika und der ländlichen Entwicklung dort liegen. Was heißt das konkret?

Ich will die deutsche Wirtschaft für Afrika gewinnen

Müller: Das Afrikabild in Deutschland muss sich ändern. Afrika ist nicht der verlorene Kontinent, sondern der Kontinent der Chancen. Seine Bevölkerung wird sich in den nächsten dreißig Jahren verdoppeln. Was dort passiert, geht uns etwas an. Ich will die deutsche Wirtschaft für Afrika gewinnen. Und mein Ministerium setzt heute schon über die Hälfte seiner Mittel auf diesem Kontinent ein. Das wird auch so bleiben.

ZEIT ONLINE: Wofür wollen Sie das Geld einsetzen?

Müller: Das wichtigste ist, dass wir das Hungerproblem lösen. Afrikas Bevölkerung ließe sich mit den eigenen Ressourcen an Boden und Wasser satt bekommen. In vielen Ländern könnte man die Produktivität nicht nur verdoppeln, sondern verdreifachen. Aber es fehlt dafür insbesondere an der richtigen Ausbildung und dem politischen Willen in manchen Staaten. Wir werden unsere Arbeit für eine bessere berufliche Ausbildung gerade auf dem Land verstärken.

Wir werden grüne Ketten der Wertschöpfung aufbauen, grüne Zentren, in denen wir moderne Formen der Landbewirtschaftung vom Acker bis zum Teller demonstrieren. Die Ernteverluste können halbiert werden. Und im Unterschied zu anderen Ländern, die an Afrika interessiert sind, sagen wir: Die Wertschöpfung soll im Lande bleiben.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren den hohen Ressourcenverbrauch der reichen Staaten. Halten Sie das ewige Streben nach Wirtschaftswachstum für einen guten Ausweg aus Europas Krise?

Ökologische und soziale Standards müssen Grundlage der Globalisierung werden

Müller: Meine Vision ist eine weltweite ökologisch-soziale Marktwirtschaft, in der die Nachhaltigkeit dem Wachstum übergeordnet ist. Wir brauchen ökologische Standards, weltweit. Zum Beispiel in Gerbereien in Indien, in denen die Arbeiter mit bloßer Hand das Leder für Kleidung bei uns in Europa gerben. Das muss sich ändern. Wir brauchen auch soziale und kulturelle Standards.

ZEIT ONLINE: Müssen die Bewohner der Industrieländer lernen, zu verzichten?

Müller: Wir können unser Niveau halten. Wir müssen aber unseren Wachstumsbegriff neu definieren. Ökologische und soziale Standards müssen auch Grundlage der Globalisierung werden. Und die Entwicklungszusammenarbeit muss einen höheren Stellenwert erhalten.