Es ist der Einsatz von Medikamenten mit bizarren Folgen: In der deutschen Schweinemast erhalten die Sauen nach Einschätzung des Bunds für Umwelt- und Naturschutz immer öfter systematisch Sexualhormone. Die Hormone schalten den Sexualzyklus der Tiere gleich und führen dazu, dass unnatürlich viele Ferkel geboren werden. Hormonell wirksame Substanzen, unter ihnen die als krebserregend und erbgutschädigend geltenden Steroide, gelangen mit der Gülle aufs Feld und ins Trinkwasser.     

Die Zucht mit Sexualhormonen müsse aufhören, verlangt der BUND. Es ist eine der zentralen Forderungen im Fleischatlas, den der Umweltschutzverband gemeinsam mit der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung Le monde diplomatique am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. In dem Bericht, den die drei Organisationen zum zweiten Mal herausgeben, beschreiben sie das große Geschäft mit den Tieren: die steigende Nachfrage nach Fleisch, vor allem in den boomenden Schwellenländer. Die zu Hochleistungsfabriken gewandelten Schlachthöfe – auch in Deutschland.

Immer mehr Nutztier-Arten verschwinden, Ackerland wird verschwendet. Zudem konzentriert sich die globalisierte Industrie immer stärker: Die meisten Großkonzerne kommen aus den USA und Brasilien (siehe Grafik am Ende des Textes). Deutsche Unternehmen finden sich zwar nicht in den Top Ten, aber die deutschen Fleischfabriken produzieren ebenfalls längst für den Weltmarkt. Das hiesige Unternehmen Tönnies gehört in Europa zu den Großen.  

Emotionale Debatte ums Essen

Die Trends zu einer stärkeren Industrialisierung, Globalisierung und Konzentration sind nicht neu, aber dennoch brisant. Den Verbrauchern ist wichtig, was sie essen, ob aus Gesundheits- oder Umweltschutzgründen. Und nur wenige Debatten werden in der Öffentlichkeit so emotional geführt wie jene über Vegetarismus, Veganismus und Fleischkonsum. 

Dass die Autoren des Fleischatlas den weltweit wachsenden Carnivorismus kritisch beurteilen, zeigt bereits die Aufmachung des Werks: "Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel" steht da über einer aus rohen Koteletts zusammengepuzzelten Weltkarte. "Ernährung ist nicht nur Privatsache", schreiben die Autoren. Die globale Mittelschicht verbrauche einfach zu viel Fleisch.   

Gleich daneben steht aber auch: Würden die Tiere in bäuerlichen Kleinbetrieben und artgerecht gehalten, könnte das dem Klima, der Umwelt und der Gesundheit sogar nutzen. Es geht im Fleischatlas also nicht nur darum, wie schädlich Fleischkonsum sein kann, sondern auch um eine zweite, ebenso grundsätzliche Frage: Unter welchen Bedingungen wollen wir unsere Nahrung hergestellt wissen?

Das Thema ist aktuell und treibt zurzeit auch Politiker um. Das zeigt sich gerade in den Freihandelsverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Die geplante transatlantische Freihandelszone soll beiden Partnern noch mehr Wohlstand bescheren. 

Noch mehr Hormone 

Doch Umwelt- und Verbraucherschützer befürchten schädliche Nebenwirkungen – unter anderem noch mehr Hormone in der Zucht. Denn die Fleischfabriken in den USA funktionieren nach anderen Regeln als die europäischen Betriebe. Die Mästereien und Milchproduzenten der USA setzen häufig Wachstumshormone ein, die in der Europäischen Union wegen ihrer Nebenwirkungen für die Tiere und der möglichen Folgen für die menschliche Gesundheit verboten sind.

Ractopamin ist eines dieser Hormone, das auch in Brasilien gerne benutzt wird. Ractopamin lässt Mastschweine und Rinder schneller Fleisch ansetzen, und Kühe geben durch das Medikament mehr Milch. Je nach gemästeter Tierart steigt die Produktivität der Betriebe durch den Zusatzstoff um bis zu 38 Prozent. Die meisten Staaten der Welt untersagen den Einsatz solcher Wachstumshormone, darunter China, Russland, Indien und die Türkei.  

Bringt der Freihandel mehr Chemie und Gentechnik?

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Die Europäische Union erlaubt bislang nur den Import von hormonfreiem Rind- und Schweinefleisch. Gemessen an den Kapazitäten der US-Industrie sind das relativ kleine Mengen. Den US-Farmern bleibt so ein großer Markt verschlossen – deshalb kämpft ihre Regierung seit Jahrzehnten für die Aufhebung des Verbots. In den Freihandelsverhandlungen wittern die USA jetzt eine neue Chance. Wie groß sie wirklich ist, können Europas Bürger freilich kaum abschätzen, denn die konkreten Verhandlungspositionen der Europäischen Kommission sind der Öffentlichkeit nicht bekannt.   

Den BUND und die Böll-Stiftung lässt die Intransparenz nichts Gutes hoffen. Auch weitere Verbote könnten hinfällig werden, fürchten sie. Durch eine Freihandelszone könnte es bald erlaubt sein, Geflügel gleich nach der Schlachtung durch Peroxysäure zu desinfizieren. Die EU verbietet bislang diese sogenannten Chlorhähnchen und gestattet bislang zur Desinfektion nur heißes Wasser. Und Europa könnte gezwungen sein, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel stärker als bisher zu akzeptieren.

Die Organisationen fordern eine Kehrtwende: Weg von der Intensivmast und den Schlachtfabriken. Hin zu kleinen Betrieben, mehr Tierschutz, weniger Medikamenten.     

Vom Nachbar-Bauern kaufen

Was können Verbraucher tun, um die Verhältnisse zu verbessern? Manches, was der Fleischatlas empfiehlt, ist altbekannt: Weniger Fleisch essen, sich für den Tierschutz einsetzen. Verbraucher könnten Öko-Lebensmittel kaufen und sich genau nach den Standards erkundigen, nach denen sie hergestellt wurden. Auch wer eine kleinbäuerliche Landwirtschaft unterstütze, trage zur Agrarwende bei. Als Beispiel nennt der BUND die "solidarische Landwirtschaft": Konsumenten schließen sich zusammen und garantieren dem Landwirt, alle seine Erzeugnisse zu kaufen – und sie zahlen im Voraus. So kann der Bauer sicher planen, seine Kunden erhalten gute Nahrungsmittel, und alle gemeinsam tragen das Risiko von Ernteausfällen.   

Die Botschaft ist: Auch Einzelne können etwas bewirken. "Am Ende aber entscheidet die Gesellschaft." Die entscheidende Frage wird sein, ob die Mehrheit der Bürger weiterhin billige Industrieware essen möchte oder nicht.    

Update: Die Europäische Kommission teilt mit, dass Hormonfleisch in Europa auch künftig verboten bleiben wird, Freihandelsabkommen hin oder her. Hier die Pressemitteilung (ae). 

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