Es kam bekanntlich anders. Nicht nur führte Griechenland 2001 den Euro ein. Auch die Stabilitätspolitik, die Henkel bis heute mit der früheren Geldpolitik der Bundesbank verbindet, wurde in seinen Augen längst aufgegeben. Henkel sieht die "Versprechen, die man uns bei Einführung des Euro" gegeben hat, für gebrochen. Offen greift er Kanzlerin Angela Merkel an. Deren Aussage "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa" nennt er verantwortungslos und inhaltlich falsch. Die Rettungspolitik hält er nicht für "alternativlos". Für ihn gibt es selbstverständlich eine Alternative.

Henkel wird nicht müde, sie in Interviews, Vorträgen und seinen Büchern Rettet unser Geld! und Die Euro-Lügner vorzutragen: Deutschland, Österreich, Finnland und die Niederlande müssten aus dem Euro-Raum austreten und ihren eigenen "Nord-Euro" einführen. Die restlichen Euro-Staaten im Süden würden die alte Gemeinschaftswährung behalten, die dann abwerten und Griechenland, Spanien, Portugal und Italien wieder wettbewerbsfähiger machen würde. Henkel zeigt sich überzeugt, dass das die einzig richtige Lösung ist – und zwar, um die Zukunft des gesamten Europas zu retten. Als Friedensprojekt sei der Euro ohnehin längst gescheitert, die Gräben zwischen den EU-Staaten würden immer größer. Wegen des Euro.

Diesen Vorschlag mag man vertreten, die offiziell von der AfD vertretene Lösung ist sie bislang nicht. Zur Partei passt sie dennoch – im Gegensatz zu manch anderem, was Henkel gern öffentlich vertritt. Etwa, dass er für den Beitritt der Türkei zur EU sei. "Dann stöhnen meine Zuhörer immer auf", verriet in einem Interview. Das werden wohl auch manche AfD-Anhänger. Parteichef Lucke steht ebenfalls dagegen: "Eine Vollmitgliedschaft der Türkei würde die EU nicht aushalten", sagte er in dieser Woche der österreichischen Zeitung Die Presse.

Hans-Olaf Henkel, der Unbequeme

Das prominente Parteimitglied ist als neues Aushängeschild im Europawahlkampf durchaus ein Risiko für die AfD. Ob als IBM-Manager oder als BDI-Chef, Henkel sah sich immer gern als der Unbequeme, der sich keinen Maulkorb verpassen lässt und sagt, was er für notwendig oder als Wahrheit erachtet. So war Henkel immer. Schon als Kind galt er als aufmüpfig, war in acht Schulen und drei Heimen. "Ich war wohl nicht leicht zu händeln", sagte Henkel einmal.

Ob Henkel sich da in ein Parteikorsett zwängen lässt? Auf die Frage, womit er andere nerve, sagte er selbst vor zehn Jahren in der ZEIT: "Rechthaberei". Womöglich könnten bald einige in der AfD-Führung ähnlich gereizt reagieren wie in den Neunzigern so mancher im Kreis der BDI-Spitze.

Hinzukommt: Vielen dürfte Henkel immer noch als Dauergast bei Sabine Christiansen und Maybrit Illner in Erinnerung sein. In den Polittalkshows saß er als wandelnde Gebetsmühle, unermüdlich die Thesen von mehr Markt und weniger Staat predigend. Die Thesen eben, die ihm den Ruf einbrachten, die Personifizierung des bösen Kapitalismus zu sein. Ein hartherziger Manager, der die angeblich viel zu hohe Steuerbelastung der Unternehmen anprangert und die Gewerkschaften schleifen und Arbeitnehmerschutz abbauen will. Ob die AfD-Mitglieder und vor allem die Wähler, die man für die Partei gewinnen will, solche Dinge hören möchten?