Die Zahl wirkt winzig im Vergleich zu den gigantischen Schuldenbergen in der Euro-Krise, und doch versprühte sie vergangene Woche so etwas wie Hoffnung: 1,5 Milliarden – so hoch war laut Premierminister Antonis Samaras im vergangenen Jahr der Primärüberschuss Griechenlands. Das Land verbucht somit zumindest ein kleines Plus, wenn man die milliardenschweren Zinszahlungen für die Staatsschulden herausrechnet. Für Griechenland ist das eine ungewohnte und gute Nachricht: Der letzte Primärüberschuss liegt über ein Jahrzehnt zurück, seitdem hat der Staat Jahr für Jahr mehr Geld ausgeben, als ihm durch Steuern zugeflossen sind.  

Doch wenn an diesem Montag die Troika erneut nach Athen reist, geht es auch um die negativen Schlagzeilen, an deren regelmäßiges Aufploppen sich die deutsche Öffentlichkeit beinahe schon gewöhnt hat: Die Arbeitslosigkeit jagt von einem Rekordhoch zum nächsten, bei den Unter-24-Jährigen sind mittlerweile über 61 Prozent ohne Arbeit; das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank 2013 um 4,2 Prozent, seit Beginn der Krise vor über fünf Jahren ist es um mehr als ein Viertel geschrumpft. Und auch die Staatsverschuldung steigt immer weiter, trotz eines Schuldenschnitts.

Ein halbes Dutzend Sparpakete haben griechische Regierungen seit März 2010 durchgepeitscht. Im Parlament warben Regierungspolitiker für die Sparmaßnahmen, die die Troika zur Voraussetzung für weitere Hilfsgelder gemacht hatte – vor dem Parlament demonstrierten zornige Arbeiter und Rentner, die sich um ihren verdienten Lohn gebracht fühlten. Die Mehrwertsteuer stieg innerhalb weniger Wochen erst von 19 auf 21 und schließlich auf 23 Prozent. Mindestlöhne wurden gesenkt, Renten gekürzt, Tausende Staatsangestellte auf die Straße gesetzt. Die Politiker mussten dafür oft genug mit ihrem Posten bezahlen: Griechenland hatte seit Beginn der Krise vier verschiedene Ministerpräsidenten. Doch was hat es gebracht? Haben die Reformen dafür gesorgt, dass die griechische Wirtschaft langfristig wieder in den europäischen Wettbewerb eintreten kann?

"Die negativen Punkte überwiegen"

Nein, sagt Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology. Schon vor zweieinhalb Jahren erwartete der Ökonom in einem Interview mit der ZEIT die Staatspleite Griechenlands. "Das würde ich noch immer so sagen", meint Rocholl heute. Zwar gebe es einige positive Anzeichen, wie den Primärüberschuss im vergangenen Jahr oder das erwartete leichte Wirtschaftswachstum für 2014 – doch: "Die negativen Punkte überwiegen deutlich: Die Arbeitslosigkeit steigt weiter, Unternehmen kürzen Jobs, und viele staatliche Institutionen sind immer noch extrem ineffizient."

Die Prüfer der Troika wollen bis zum 7. März darüber entscheiden, ob sie die nächsten Hilfsgelder freigeben: 10,1 Milliarden Euro stehen bereit. Es mehren sich auch die Stimmen, die ein drittes Hilfspaket fordern. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) will davon bislang nichts wissen. Die Europawahl ist nah und die Angst groß, durch weitere finanzielle Zugeständnisse Anti-Euro-Parteien wie die AfD zu stützen.

Aber unabhängig von weiteren Hilfsmilliarden sind sich Experten einig, dass der Erfolg der griechischen Sparanstrengungen maßgeblich davon abhängen wird, ob die Regierung private Investoren ins Land locken kann. "Wichtig wären Investitionen in den Branchen: Tourismus, Lebensmittel, Energie", sagt etwa Michael Haliassos, Professor für Makroökonomik an der Frankfurter Goethe-Universität. Private Gelder in diesen Wirtschaftszweigen könnten dann indirekt auch die restliche Wirtschaft ankurbeln. Bleiben die Investitionen aus, ist Haliassos pessimistisch: "Dann wird es Griechenland sehr schwer haben, das alte wirtschaftliche Niveau wieder zu erreichen."