In ihrem jüngsten Weltwirtschaftsbericht lobt die Weltbank einige Länder Afrikas für ihre Entwicklungserfolge. Die Zahlen, die sie präsentiert, sprechen scheinbar eine klare Sprache – es seien "qualitativ hochwertige und international vergleichbare Statistiken", erklärt die Weltbank. Liest man ihren Bericht, erfährt man beispielsweise, dass die Wirtschaft Nigerias in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist und mittlerweile fast zwei Drittel der ökonomischen Kraft Südafrikas erreicht hat: eine stolze Leistung. Noch hoffnungsfrohere Nachrichten kamen vor einigen Jahren aus Ghana: Im November 2010 korrigierte die dortige Statistikbehörde Ghanas Wirtschaftsleistung um 60 Prozent nach oben. In der Weltbankklassifizierung stieg Ghana über Nacht von einem "Land mit niedrigem Einkommen" zu einem "Land mit niedrigem mittleren Einkommen" auf.

Das hat Konsequenzen, nicht nur für internationale Geber. Aber Zahlen können lügen. Und auch die offiziellen Statistiken, auf die die Weltbank sich stützt, führen in die Irre.

Ist Nigeria tatsächlich im Begriff, Südafrika den Rang als Wirtschaftsmotor Afrikas abzulaufen? Hat sich Ghana wirklich in ein aufstrebendes Land "mit niedrigem mittleren Einkommen" entwickelt? Ein Blick auf die Erhebung von Entwicklungsstatistiken weckt Zweifel. Sie beginnen schon bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts. Es bezeichnet bekanntlich die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem festgelegten Zeitraum produziert werden. Selbst in entwickelten Industriestaaten ist seine Messung nie exakt, sondern hängt von Annäherungen ab.

Florierende Branchen werden ignoriert

In den meisten Entwicklungsländern Afrikas aber verfügen die Statistikbehörden nicht einmal annähernd über die Informationen, die sie für verlässliche Berechnungen eigentlich benötigen. Sie behelfen sich mit einem Kunstgriff: Die Verantwortlichen wählen ein Jahr aus, über das bessere Wirtschaftsdaten vorliegen als über andere – etwa weil Investoren entsprechende Untersuchungen durchgeführt haben. Die Informationen über dieses Jahr, das man im Fachjargon auch Basis- oder Benchmark-Jahr nennt, werden dann mit weiteren Daten zu einer Schätzung verschmolzen.

Die Folge: Die Verhältnisse aus dem Benchmark-Jahr werden einfach auf die folgenden Jahre übertragen, selbst wenn sich die Wirtschaftsstruktur in der Zwischenzeit verändert hat. Deshalb tauchte der Mobilfunksektor in den Statistiken vieler Staaten Afrikas lange Zeit nicht auf, obwohl der Markt längst florierte. Ähnlich verhält es sich mit neueren Exportfeldern wie dem lukrativen Handel mit Schnittblumen, der in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Bedeutung gewonnen hat. Die gesamte Wirtschaftsstatistik wird dadurch unzuverlässig.

Aus diesem Grund empfiehlt der Internationale Währungsfonds den Entwicklungsländern eigentlich, ihre Datensätze alle fünf Jahre zu überarbeiten. Dennoch beruhen die Weltbankdaten des vergangenen Jahres zu Nigeria noch auf dem Basisjahr 2002. In Ghana lag eine Aktualisierung sogar noch länger zurück. Dort war ein Update zuletzt im Jahr 1993 vorgenommen worden. In der Konsequenz tauchte fast die Hälfte der ghanaischen Wirtschaftsleistungen gar nicht in den offiziellen Statistiken auf. Die Korrektur des Bruttoinlandprodukts war daher durchaus nachvollziehbar. Doch wie können die Wirtschaftsleistungen verschiedener afrikanischer Staaten wie Ghana und Nigeria vor diesem Hintergrund aussagekräftig verglichen werden?  

Zahlenakrobatik ermöglicht Manipulationen

In meiner Untersuchung Poor Numbers habe ich die Erhebung und Nutzung afrikanischer Wirtschaftsdaten genauer untersucht. Es geht dabei nicht nur um technische Genauigkeit. Problematisch ist auch die Willkür der Quantifizierung, die von einer irreführenden Aura der Genauigkeit umgeben ist, aber zugleich Fehler und Unsicherheit produziert. Diese gefährlichen Zahlenspiele haben immer wieder auch politische Konsequenzen. Denn die resultierenden Daten werden herangezogen, um kritische Entscheidungen über die Zuteilung von knappen Ressourcen zu treffen. Und das, obwohl die Regierungen der Entwicklungsländer eigentlich kaum in der Lage sind, informierte Entscheidungen zu fällen. Doch das Problem betrifft auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit, die allzu oft von falschen Voraussetzungen ausgeht.