Die Ideen gehen mir nicht aus, aber bald das Geld

Schaut man nur auf die Statistik, scheint Deutschland eine Insel der Seligen. Seit Jahren ist die offizielle Arbeitslosenzahl stabil niedrig. Derzeit seien 7,3 Prozent aller Erwerbspersonen (also Arbeitnehmer und Arbeitslose zusammengenommen) ohne Stelle, meldete die Bundesagentur für Arbeit im Januar. Rechnet man die saisonbedingte Arbeitslosigkeit heraus – also Bauarbeiter oder Arbeitskräfte aus der Tourismusbranche, die im Winter vorübergehend ohne Erwerb sind – sinkt die Quote sogar auf 6,8 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet die Bundesregierung einen Beschäftigungsrekord.

Paradiesische Zustände, verglichen mit anderen Staaten Europas, doch die offiziellen Zahlen haben nur begrenzte Aussagekraft. Die Arbeitslosenquote ignoriert jene, die in Fördermaßnahmen der Agentur für Arbeit stecken. Sie zählt nicht die Resignierten, die schon lange nicht mehr nach einer Stelle suchen, und sie sagt nichts über die Arbeitsbedingungen derer, die einen Job haben. Wir wollten deshalb von Ihnen wissen: Was steckt hinter der Statistik? Wie empfinden Sie die aktuelle Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Wie sicher ist ihr Job? 

Viele Leser haben uns geschrieben, andere kommentierten unter unserem Aufruf oder in den sozialen Netzwerken. Wir bekamen ganz unterschiedliche Antworten. Repräsentativ sind sie natürlich nicht. Aber einige Dinge fielen auf:  

"Hier gibt es Arbeit ohne Ende"

Rundum positiv äußerten sich nur wenige. Aus dem Rhein-Main-Gebiet schrieb uns ein Leser, es gebe dort "Arbeit ohne Ende. Quasi Vollbeschäftigung. Wer will, kriegt immer eine Fortbildung, nur damit man bleibt". Es gebe kaum Leiharbeitsfirmen, die Löhne seien hoch, die Lebenshaltungskosten ebenso. "Trotzdem ist die Stimmung gut."

Die meisten aber berichteten von sinkenden Löhnen und unsicheren Arbeitsverhältnissen; wenn sie diese nicht selbst erlebten, dann im Bekanntenkreis. Fast alle Mails kamen von hochqualifizierten Leuten: Studenten und Akademikern, zum Teil mit mehreren Berufsausbildungen und langer Auslandserfahrung. Manche waren trotz ihrer Qualifikationen arbeitslos, andere hangelten sich von einer befristeten Stelle zur nächsten, immer unter Druck und schlechter bezahlt als die fest angestellten Kollegen.

"Ich denke, der Knackpunkt liegt in der Moral der Arbeitgeber", schrieb eine Leserin. "Die Luft wird dünner, die Gesellschaft rücksichtsloser."

Ein Teil der Mails kam aus Krisenbranchen wie den Medien. Aber selbst Ingenieure berichteten von Schwierigkeiten bei der Stellensuche. Andere kamen erst durch Umwege zum sicheren Job. So wie der Koch, der zuerst Karriere als Restaurantleiter machte und dann eine Stelle annahm, die sich als Flop entpuppte. Nach längerer Arbeitslosigkeit schult er jetzt um zum Erzieher: "Es ist beruhigend zu wissen, dass ich nach der Ausbildung die Wahl haben werde, wo, für wen und wie ich arbeiten möchte", schrieb er. Er habe seinen Traumjob gefunden.

Noch etwas fiel auf: Die Unternehmen scheinen immer speziellere Anforderungen an Bewerber zu stellen – und nur selten bereit zu sein, für die Schulung neuer Angestellter eigenen Aufwand zu betreiben. Dass überqualifizierte Bewerber oft von vornherein aussortiert werden, scheint kein Widerspruch. Ein Fachkräftemangel existiere nur für "fachlich eng begrenzte, eingeschränkte Prozessschrittabarbeiter", schrieb ein Leser, nach eigenen Angaben selbst hochqualifiziert und mit Managementerfahrung. Für "praxiserfahrene ausgereifte Talente" hingegen sehe er nur wenig Hoffnung. 

Wir haben mit sieben Lesern gesprochen und ihre Geschichten protokolliert; Sie lesen sie auf den folgenden Seiten. Sie können uns auch immer schreiben: per E-Mail an arbeitsmarkt@zeit.de.

Anonym, Anfang 20: Schlecht bezahlte Praktika für Ingenieure

Ich studiere Informatik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Es ist ein duales Studium, das die Praxis im Betrieb mit der akademischen Ausbildung kombiniert. Die Stellen sind begehrt; nicht nur in der Informatik, sondern auch in anderen Fächern. Auf die begrenzten Studienplätze beim DLR bewerben sich Hunderte. Für die Informatik werden in jedem Jahr ungefähr 15 Leute genommen.

Ich stecke zwar noch mitten im Studium. Aber mir wird so langsam klar, dass die Firmen extrem unrealistische Qualifikationen von ihren Bewerbern fordern, besonders in der Informationstechnik. Das DLR ist eine der renommiertesten Firmen in Deutschland. Nach meinem Studienabschluss werde ich garantiert übernommen, mindestens für neun Monate. Ich könnte mir auch vorstellen, länger zu bleiben. Aber man weiß ja nie.  

Für alle Fälle sehe ich mich auch anderswo um. Aber ich finde kaum Stellenanzeigen, denen ich gerecht werde – trotz meiner zwei Jahre Berufserfahrung in der Luft- und Raumfahrt und in der Informationstechnik und trotz der Ausbildung beim DLR. Meist wird gleich eine ganze Liste von viel zu speziellen Qualifikationen verlangt. Kenntnisse über ganz bestimmte Programmiersprachen oder Programme zum Beispiel, von denen es inzwischen einfach zu viele gibt.

Ein Studienabgänger kann diese Voraussetzungen unmöglich erfüllen. Aber er könnte meines Erachtens den Umgang mit solchen Programmen und Sprachen innerhalb ganz kurzer Zeit lernen, wenn man ihm im Betrieb eine Chance dazu gäbe. Offenbar scheuen die Firmen den Aufwand. Überall verlangen sie Berufserfahrung, und oft eine ganz spezielle. Es ist wohl für einen Studienabsolventen nicht möglich, eine Arbeit zu finden, ohne sich erst einmal Monate oder gar Jahre durch schlecht bezahlte Praktika zu arbeiten – selbst in den Ingenieurberufen.

Von Anonym, Anfang 20 Jahre

Dagmar Eschenfelder, 54: Wir machen kaputt, was Deutschland groß gemacht hat

Mein Arbeitsplatz ist sicher – im Sinne von: Ich werde nicht morgen auf der Straße stehen. Ich habe noch einen festen Vertrag. So ein uraltes Auslaufmodell, in dem sogar der Einsatzort festgelegt ist. Mich global einzusetzen, ist teuer.

Ich arbeite in der Forschung und Entwicklung der Halbleiterindustrie, für eine Tochter eines Chemieunternehmens. Seit 26 Jahren bin ich dabei. Es war mein Traumjob. Mitte der 80er gab es ja nichts Spannenderes. Eigentlich bin ich gelernte Chemielaborantin. Als ich hier angefangen habe, hatte ich keine Ahnung von der Materie. Ich musste ins kalte Wasser, durfte vieles ausprobieren. Das war sehr interessant. Ich habe viel in Projekten gearbeitet, sehr selbstbestimmt und eigenständig. Vor ein paar Jahren bin ich noch mit der ganzen Familie nach Singapur gegangen, um dort ein Werk mit aufzubauen.

Heute aber wird kaum noch Neues entwickelt. Kreativität und Eigenständigkeit ist nicht mehr so gefragt; das Niveau der Arbeit sinkt. Heute arbeite ich produktionsnah in der Technologie.

Die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Der Anteil der Leiharbeiter ist stark gestiegen, in der Produktion etwa auf ein Drittel der Belegschaft. Dadurch steigt auch die Fehlerquote. Nicht etwa, weil die Kollegen schlechter qualifiziert wären als die Festangestellten. Sie haben nur gar nicht die Zeit, sich ausreichend einzuarbeiten.

Es geht nur noch darum, Kosten zu senken

Das Betriebsklima hat sich drastisch verschlechtert. Früher ging es hier sehr familiär zu. Heute sind wir die Tochter einer Aktiengesellschaft mit weltweit 15.000 Mitarbeitern. Gute Laune wird niedergebügelt. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand gesehen zu werden, ist fatal. Die Chefs erwarten, dass Urlaubstage verfallen und Dienstreisen aufs Wochenende gelegt werden, damit man am Montag früh um acht gleich in das erste Meeting gehen kann.

Es geht nur noch darum, Kosten zu senken. Die Vorgabe: zehn Prozent weniger jedes Jahr. Unser Altersdurchschnitt ist deutlich über 40; junge Leute werden kaum noch eingestellt. Ihre frischen Ideen fehlen. Ältere werden gefragt, ob sie nicht Altersteilzeit in Anspruch nehmen wollen. Sogar ich mit meinen 54 Jahren: eine Mitarbeiterin der unteren bis mittleren Führungsebene, mit Auslandserfahrung, einigen Weiterbildungen, fließendem Englisch, und, und, und. Unsere Belegschaft schrumpft; wir fragen uns, ob es diese Firma in ein paar Jahren noch gibt.

Seit 2010 sind wir aus Singapur zurück, seitdem suche ich. Aber ich bin eben schon über fünfzig, und ich wechsle natürlich nicht für eine 2.000-Euro-Stelle. Außerdem haben wir drei Kinder, dadurch bin ich auch örtlich gebunden. Aber immerhin: Was ich verdiene, reicht, um die Familie zu versorgen. Mein Mann ist freier Journalist. Das ist ein hartes Brot.

Ich bin froh über meinen festen Arbeitsplatz. Aber wir sind in Deutschland gerade dabei, vieles davon kaputt zu machen, was uns groß gemacht hat. Zum Beispiel, dass es kaum Streiks gab, weil die Arbeitnehmer zufrieden waren und die Gewerkschaften stark, aber vernünftig. Jetzt sitzen an den Schlüsselstellen die Controller, und die Gewerkschaften werden schwächer. Wir haben immer noch ein tolles Ausbildungssystem, und wir sind beliebt im Ausland. Aber wir müssen aufpassen, dass wir uns das nicht versauen.

Von Dagmar Eschenfelder, 54 Jahre

Cornelia Roché, 50: Mein Mann war zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Ich kann immer noch nicht fassen, welches Glück ich hatte. Ich habe Fotolaborantin gelernt. Den Beruf gibt es nicht mehr. Für die Ausbildung hatte ich die Schule kurz vor dem Realschulabschluss abgebrochen. Wir arbeiteten viel mit Schwarz-Weiß-Fotografie. Als die Farbfotografie aufkam, war die Dunkelkammer nicht mehr gefragt. Da war ich draußen.

Trotzdem habe ich schnell wieder eine Arbeit gefunden. Ich bin einfach losgezogen und hab mich direkt bei den Firmen vorgestellt, einen Tag später konnte ich anfangen. Das war 1988.

Fünfzehn Jahre später wurde ich arbeitslos. Ich dachte, die Arbeitswelt stünde mir immer noch offen. Ich hatte ein lupenreines Zeugnis von einer Hamburger Weltfirma, die an ein amerikanisches Unternehmen verkauft wurde. Daher die Entlassung. Ich bekam Bewerbungstrainings, machte Weiterbildungen, schrieb Hunderte Bewerbungen. Es half alles nichts. Zwar fand ich vorübergehend einen Job als Aushilfe, auf Abruf und mit unregelmäßigem Einkommen, und das war immer noch besser als Hartz IV. Aber dann ging der Betrieb baden, und ich stand wieder auf der Straße.

Eingestellt, weil die Chemie stimmte

Ich hatte Vorstellungsgespräche mit Personalern, die meine Kinder hätten sein können. Ich musste unentgeltlich zur Probe arbeiten und bekam die unseriösesten Angebote von Leiharbeitsfirmen. Man verliert völlig den Glauben an sich. Aus jedem Bewerbungstraining bin ich erneut motiviert herausgegangen, aber am Ende hat sich nichts von dem erfüllt, was uns dort vermittelt worden war. Ich nahm Minijobs an, mehrere auf einmal; ich war ein Nervenbündel. Der Druck, unter dem man steht, ist so immens. Mein Mann und ich haben in den vergangenen Jahren teilweise unter der Armutsgrenze gelebt, alle Ausgaben zurückgeschraubt. Aber aufgeben? Das ging nicht.

Dann passierte ein Wunder: Vor ungefähr einem Jahr traf mein Mann morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Kunden und kam ins Gespräch. Es war der Geschäftsführer eines Handwerksbetriebs, der eine Bürokraft suchte. Als ich mich bei ihm vorstellte, stimmte sofort die Chemie.

Mein neuer Chef stellte mich ein, ohne meinen Lebenslauf oder Arbeitszeugnisse zu kennen. Ich wurde in der Buchhaltung angelernt. Zunächst war es nur ein weiterer Minijob. Aber seit diesem Jahr arbeite ich dort 30 Stunden in der Woche. Ich bin so etwas wie die kleine Büroperle des Unternehmens geworden. In diesem Jahr werde ich sogar zu einer Fortbildung geschickt. Außer mir und meinem Chef arbeiten noch zwei Techniker im Betrieb. Wir sind ein Superteam, ich fühle mich sehr wohl – und ich hoffe, dass dies mein letzter Job ist, bevor ich in 14 Jahren in Rente gehe. Es sieht gut aus.

Aber der Arbeitsmarkt, der kann mich so richtig gerne haben. Was für ein Alptraum. Ich hatte das Glück, dass zur richtigen Zeit am richtigen Ort die beiden Menschen zusammentrafen, die mir helfen konnten. Das war purer Zufall. Aber in meinem Bekanntenkreis gibt es viele, die immer noch suchen.

Von Cornelia Roché, 50 Jahre

Anonym, 36 Jahre: Ich bin Psychotherapeut in Ausbeutung

Als ich vor über zehn Jahren mein Psychologie-Diplom erhalten habe, dachte ich, mein Beruf sei krisenfest. Die Realität sieht anders aus. Wer in dem Fach promoviert, bekommt als wissenschaftliche Hilfskraft oft nur Projektverträge. Ständig zittert man um seine Stelle, und ohne Nebenjobs kann man den Lebensunterhalt sowieso nicht bestreiten. Als wissenschaftliche Hilfskraft habe ich netto etwa 700 Euro im Monat verdient.

Das ist an vielen Unis und Fachbereichen so. Aber für Psychologen sieht es auch nach der Uni nicht besser aus. Für fast jede ausgeschriebene Stelle wird neben dem Diplom eine Zusatzausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten verlangt, die noch einmal fünf Jahre lang dauert. Die Ausbildung kostet im günstigsten Fall 20.000 Euro, zu zahlen in jahrelangen monatlichen Raten.

Finanziell ist das eine ziemliche Belastung. Hinzu kommt, dass ein Psychotherapeut in Ausbildung (PiA) mindestens 1.200 Stunden als Praktikant in der Psychiatrie ableisten muss. Das gehört zur Ausbildung. Viele Kliniken nutzen das aus, sie zahlen manchmal nur einen Euro pro Stunde. Das Mittagessen ist dafür gratis. Nicht umsonst sagt man, PiA stünde in Wahrheit für "Psychotherapeuten in Ausbeutung". Viele von uns müssen Kredite aufnehmen, um über die Runden zu kommen.

Zukunftsplanung ist nicht möglich

Meine Arbeit macht mir Spaß. In der Klinik, in der ich arbeite, verdiene ich im Moment 2.000 Euro netto. Aber mein Vertrag ist befristet, und die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Im Vergleich zu meinen älteren Kollegen fühle ich mich als Mitarbeiter zweiter Klasse, weil ich für die gleiche Arbeit weniger Gehalt und vor allem weniger Arbeitsplatzsicherheit habe. Sobald ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, werde ich vermutlich durch neue PiAs ersetzt. Manche von denen verdienen netto weniger als 1.000 Euro.

Eine Familienplanung ist so nicht möglich. Über allem schwebt die Angst, die nächste Vertragsverlängerung nicht mehr zu erhalten. Ich bin verheiratet, aber meine Frau und ich haben die Familienplanung weit in die Zukunft verschoben. Ich bin für meinen Beruf schon oft umgezogen. Wir führen immer noch eine Wochenend-Fernbeziehung, denn wir wollen erst zusammenziehen, wenn einigermaßen sicher ist, wo ich die nächsten zehn Jahre bleiben werde. Im Moment ist da noch zu viel Unsicherheit, auch finanziell.

Wenn ich meinen Eltern erzähle, wie viel ich verdiene, stoße ich jedes Mal auf Unverständnis. Meine Eltern sind ganz normale Angestellte. Sie sagen: Wie kann das sein, dass Du immer noch bei 2.000 Euro netto rumkrebst, wo Du doch studiert hast? Dann gibt es Streit. Der ständige Rechtfertigungsdruck belastet mich schon.

Eigentlich würde ich gerne auf meiner jetzigen Stelle bleiben. Die Arbeit im Team macht mir Spaß. Aber vermutlich muss ich mich stattdessen selbständig machen. Vielleicht wird es dann finanziell besser laufen. Aber meine Vorstellungen vom Arbeitsmarkt sind definitiv nicht erfüllt worden. In meinem Beruf soll ich Menschen aufbauen und ihnen Hoffnung vermitteln, dabei fühle ich mich selbst hingehalten und ausgebeutet. Natürlich geht es den Krankenschwestern, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern genauso, aber das macht es nicht besser. Es herrscht ein Klima der Angst.    

Von Anonym, 36 Jahre

Anonym, 43: Die Firmen haben Angst, dass ich als Mutter die Arbeit nicht schaffe

Ihr Leseraufruf hat bei mir einen Nerv getroffen. Ich habe ein Uni-Diplom und eine Berufsausbildung, und berufliche Erfahrung dazu. Trotzdem suche ich seit mehr als einem Jahr eine Stelle.

Mein Problem ist, dass ich nicht Vollzeit arbeiten will beziehungsweise kann. Wir haben zwei Kinder und leben in einer Großstadt mit weiten Wegen. Einen Achtstundentag schafft man da einfach nicht, wenn die Kinder neun Stunden lang in der Kita sind. Bewerbe ich mich dennoch auf volle Stellen, die meiner Ausbildung und meiner Erfahrung entsprechen, nimmt die Frage nach der Kinderbetreuung im Vorstellungsgespräch immer einen breiten Raum ein. Meinem Mann ist das noch nie passiert. Stets siegt die Angst der Arbeitgeber, es könne ein Kind krank werden und Arbeit liegen bleiben.

Bewerbe ich mich aber auf Stellen, die auch mit niedrigerem Qualifikationsniveau zu schaffen sind – und deshalb in Teilzeit angeboten werden –, dann wird mir häufig mit der Begründung abgesagt, ich sei überqualifiziert. So bin ich noch immer arbeitslos, trotz hoher Flexibilität und Motivation, und obwohl ich zu Abstrichen auch beim Gehalt bereit bin. Die ganze Situation ist extrem frustrierend. Nach rund 100 Bewerbungen und knapp 20 erfolglosen Vorstellungsgesprächen bin ich sehr desillusioniert – auch über die arrogante Art, mit der manche Firmen mit ihren Bewerbern umgehen. Vor dem Hintergrund des angeblichen Fachkräftemangels irritiert mich das sehr.

Viele Frauen mit ähnlichen Schwierigkeiten

Die Unternehmen zeigen keinerlei Bereitschaft mehr, einen einzuarbeiten. Sie wollen Bewerber, die alles schon mitbringen. Oft werden beispielsweise spezielle Softwarekenntnisse einfach vorausgesetzt.

Ich bin Ökotrophologin und habe vor dem Studium eine Ausbildung im Hotelfach absolviert. Insgesamt habe ich mehr als zehn Jahre Berufserfahrung, ohne die Ausbildung mitzurechnen. Nach dem Diplom war ich in einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, dann habe ich für einen Abgeordneten und eine Fraktion im Bundestag gearbeitet. Dann war ich in Elternzeit und habe währenddessen freiberuflich gearbeitet. Mein Mann ist der Hauptverdiener in der Familie. Er bekam ein Angebot in einer anderen Stadt und so hat es uns hierher verschlagen.

Mir ist bewusst, dass ich in einer relativ kleinen Nische suche. Aber ich bringe viel Erfahrung mit, und es gibt etliche Themen, die ich interessant finde: Ernährung, Gesundheit, PR oder Öffentlichkeitsarbeit für ein Unternehmen oder einen Verband. Da müsste sich doch etwas finden lassen. Aber leider kenne ich viele Frauen mit ähnlichen Schwierigkeiten. 

Von Anonym, 43 Jahre 

Monika Fleischhauer, 53: Mein Sohn zahlt meine Ausbildung

Dass ich nichts finde, liegt hundertprozentig an meinem Alter. Aber das wollen die im Jobcenter nicht wahrhaben. Klar, die Unternehmen sagen das nicht direkt, das wäre ja Altersdiskriminierung. Manchmal hake ich bei den Firmen nach. Die versichern mir dann immer, mit meinen Bewerbungsunterlagen sei alles in Ordnung gewesen, und ich solle die Absage nicht persönlich nehmen. Nicht persönlich! Wenn ich auf den Seiten des Jobcenters nach Angeboten suche, finde ich dort meist nur Anzeigen von Zeitarbeitsfirmen. Das finde ich krank.

Ich habe Erfahrung mit SAP-Programmen, kann Datev und Englisch, ich bin fit in der Buchhaltung. Seit vier Jahren suche ich, aber ich bekomme nur Absagen. Ungefähr 300 sind es mittlerweile. Früher habe ich immer gesagt: Wer arbeiten will, findet schon was. Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert. Der schlechte Ruf, den Hartz-IV-Empfänger haben, ärgert mich wahnsinnig.

Vor vier Jahren habe ich meinen Job als Büromanagerin verloren. Seither suche ich. Nebenher arbeite ich auf 450-Euro-Basis als Verkäuferin bei einer Massenbäckerei. So komme ich über die Runden. Vor ungefähr anderthalb Jahren habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und bin bei meiner pflegebedürftigen Mutter eingezogen. Das macht den Umgang mit dem Jobcenter noch schwieriger: Ich werde unter Druck gesetzt, weil ich nur noch Halbtagsstellen annehmen kann.

Garantie auf einen Job als Referentin

Ich habe hin und her überlegt: Was kann ich machen, um noch eine Chance zu haben? Dann habe ich mich entschieden, ein Fernstudium aufzunehmen. Ich will einen Abschluss als Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz machen und dann mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Das liegt mir: Ich habe mit 17 schon eine Ausbildung als Kinderpflegerin gemacht. Daran kann ich jetzt anknüpfen.

Ich rechne mir gute Chancen aus. Zwar ist es wohl so, dass die Krankenkassen eine Therapie bei Psychotherapeuten nach dem Heilpraktikergesetz meist nicht bezahlen, sondern die Kosten nur erstatten, wenn der Patient zu einem Therapeuten mit akademischem Abschluss geht. Aber die Nachfrage steigt, auch unter Familien mit einem guten Einkommen. Die zahlen die Rechnung gerne selbst.

Außerdem will ich mehrgleisig fahren. Ich will mich selbständig machen, mit eigener Praxis, und tageweise in Mutter-Kind-Kliniken arbeiten. Ich kenne den Chef eines Weiterbildungsinstituts, der ständig Referenten zur Psychotherapie sucht. Von ihm habe ich praktisch die Garantie, dass ich für ihn arbeiten kann. Das Jobcenter hat sich trotzdem geweigert, die Kosten für meine Umschulung zu übernehmen. Dabei gab es einen Fallmanager, der mich unterstützt hat. Aber der war dann plötzlich nicht mehr für mich zuständig. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Offenbar war er zu weich.

Das Fernstudium kostet 120 Euro im Monat, 15 Monate lang. Dazu kommen 300 Euro für die Prüfung und noch einmal ein paar Hundert Euro für den Extra-Vorbereitungskurs kurz davor. Viel Geld für mich. Jetzt trägt mein Sohn die Kosten. Gottseidank hat er einen Job und verdient recht gut.

Von Monika Fleischhauer, 53 Jahre

Andreas Nink, 52: Unsere Gesellschaft altert, und wir setzen weiter auf den Jugendwahn?

Eigentlich habe ich  keinen Job im klassischen Sinne. Ich bin selbständig – noch. Aber wenn nicht bald etwas passiert, werde ich wohl Insolvenz anmelden müssen.

Eine geradlinige  Laufbahn kann ich nicht vorweisen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und  musste  nach der Realschule eine Ausbildung zum Industriekaufmann  machen. Dabei war das nie mein Lebensziel. Also habe ich auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur nachgeholt und in Frankfurt Soziologie studiert. Nebenher habe ich mich ehrenamtlich in der katholischen Jugendarbeit engagiert und gearbeitet, um Geld zu verdienen. Ich war Tutor, habe Studienberatung gemacht und nebenher für ein Unternehmen gearbeitet, das Fernseh- und Hörfunk-Nutzungsdaten ausgewertet hat.

Direkt nach dem Studium hätte ich dort einsteigen können. Stattdessen habe ich das Angebot angenommen, in meiner Diözese den Vorsitz des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend zu übernehmen. Das war eine  Stelle des Höheren Dienstes und  gut bezahlt. Nach vier Jahren habe ich aber entschieden, dass ich nicht weiter in der Kirche arbeiten will. Ich wollte nicht mein Leben so streng nach den katholischen Regeln ausrichten müssen, wie es dann vielleicht nötig gewesen wäre. Damals war ich 33.  

Den Job zu wechseln war unkompliziert. Das Medienunternehmen, in dem ich während meines Studiums gearbeitet hatte, expandierte und zeigte Interesse. Für mich war das eine völlig neue Arbeit. Ich war bundesweit unterwegs, um Leute in den Fernsehsendern und Mediaagenturen in der Auswertung unserer Software und in der Medienanalyse zu schulen; ich habe Veranstaltungen organisiert und unsere Firma auf den wichtigsten Branchentreffen vertreten. 

Vertragsauflösung nach Mobbing

Nach sieben Jahren begann es zu kriseln. Ich war direkt meinen beiden Chefs unterstellt,  arbeitete aber eigenständiger, als sie offenbar zulassen wollten. Vielleicht war ich manchmal zu undiplomatisch. Man fing an, mich zu mobben. Plötzlich hatte ich einen neuen Vorgesetzten, der zwischen mir und den Geschäftsführern stand. Dagegen habe ich mich gewehrt. Später sagte eine neue Kollegin mir, sie sei eingestellt worden, um mich aus der Firma zu drängen. Irgendwann habe ich mir einen Anwalt genommen und die Auflösung meines Vertrags vorgeschlagen.

Zu dem Zeitpunkt plante ich schon die Selbständigkeit, mit einem Partner. Im Jahr 2001 haben wir angefangen. Wir wollten Internetmarketing für kleine und mittlere Unternehmen anbieten, und legten trotz  geplatzter Dotcomblase  einen guten Start hin. Wir bauten einen kleinen Kundenstamm auf, gewannen sogar Designpreise. Durch Tod, Umstrukturierungen und eigene Fehler fielen mehr Kunden weg, als wir auffangen konnten. Damit begann der Niedergang.

Seit Ende 2011 versuche ich, mich neu zu orientieren. Damals hat mein Kompagnon eine Stelle als Lehrer angenommen. Ich führe die Firma weiter, aber letztlich geht es nur darum, das Wenige, was noch existiert, vom Home-Office aus zu einem guten Ende zu bringen. Geld verdiene ich damit  kaum, und es fallen immer wieder neue Kosten an. Das ist unglaublich bedrückend. Meine Lebensgefährtin hat zwar einen sicheren Job, aber ich hänge total in der Luft. Dadurch bremse ich die ganze Familie.

Altersvorsorge aufgezehrt

Mich von meinem Lebenstraum zu lösen, fällt mir sehr schwer. Ich neige dazu, mir das Scheitern persönlich anzulasten. Trotzdem versuche ich, positiv zu denken. Ich  bewerbe mich breit, aber ich  bekomme entweder gar keine Antwort oder eine schnelle Absage. Vielleicht spielt mein Alter dabei eine Rolle. Die Branche ist jung, und ich bin schon 52. Ich glaube aber auch, dass meine Selbständigkeit dem Neustart im Weg steht. Ich bin bereit, mich einzuordnen, verlange keine Führungsposition. In meinen Bewerbungsschreiben versuche ich, das zu vermitteln. Aber es scheint mir nicht zu gelingen. Wer glaubt schon dem ehemaligen geschäftsführender Gesellschafter einer Firma, dass er nicht auf Karriere aus ist?

Im Moment unterrichte ich ein kleines Stundenkontingent als Lehrer. Die Schüler haben gerne Unterricht bei mir, und die Schule profitiert auch davon. Finanziell bringt es nicht viel, aber es ist immerhin etwas. Die Ideen gehen mir nicht aus. Was mir aber bald ausgeht, ist der finanzielle Atem. Ich bin privat kranken- und rentenversichert, aber meine Altersvorsorge ist durch den Kampf um meine Firma aufgezehrt.

Staatliche Unterstützung kommt für mich nicht in Frage. Ich bin gesund und stark, und ich habe Lust zu arbeiten. Ich kann einfach nicht glauben, dass eine Gesellschaft, die kompetente und einsatzfreudige Menschen benötigt, auf mich verzichten kann. Unsere Gesellschaft altert, aber wir setzen weiter auf den Jugendwahn? Das kann nicht sein. 

Von Andreas Nink, 52 Jahre