ZEIT ONLINE: Mister Yergin, warum bedroht die Energiewende unser Wirtschaftswachstum?

Daniel Yergin: Die Energiewende basiert auf der Annahme, dass weltweit die Energiepreise steigen. Das ist aber nicht der Fall. Zudem sind die Strompreise durch die Ökostrom-Umlage dramatisch angestiegen, ausgerechnet in einem Land, das extrem exportabhängig ist. Reformiert Deutschland seine Energiewende-Pläne nicht, dann schadet es seiner Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren für den verstärkten Einsatz von heimischem Erdgas. Zu den Unterstützern Ihrer Studie gehören der Gaskonzern Exxon, der Bundesverband Deutsche Industrie ebenso wie BP und Bayer. Ist Ihr Plädoyer für Fracking nicht etwas plump?

Yergin: Diese Unternehmen und Verbände haben uns unterstützt – aber sie haben keinen Einfluss auf die Ergebnisse unserer Studie. Als wir mit der Untersuchung begannen, kannte noch niemand das große ökonomische Potenzial von Schiefergas in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Sie wären also zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, wenn die Ökostrom-Branche die Studie finanziert hätte? 

Yergin: Wir legen immer die gleichen technischen, ökonometrischen Modelle an, und wir benutzen immer die gleichen Quellen. Egal ob die Erneuerbaren-Energien-Szene, die deutsche Bundesregierung oder die deutsche Filmindustrie die Studie unterstützt hätte: Wir wären zu den gleichen Ergebnissen gekommen.

ZEIT ONLINE: Sie schätzen, dass Deutschland durch Fracking bis zum Jahr 2050 mehr als 35 Prozent seines Gasbedarfs decken kann. Haben Sie dabei an den Widerstand in der Bevölkerung gedacht? Europa ist ja viel enger besiedelt als die USA.

Yergin: Natürlich kennen wir die Bedenken der Bevölkerung. Aber schauen sie sich die Zahlen an: Im Jahr 2000 förderte Deutschland rund 20 Prozent seines Gasbedarfs selbst. Heute sind es nur noch zehn Prozent. Will man in etwa auf das frühere Niveau zurück, dann wird das die deutsche Landschaft nicht komplett verändern.

 ZEIT ONLINE: Die Menschen sorgen sich um die Trinkwasserqualität. Einige Bundesländer erwägen Moratorien; und selbst die Bundesregierung lehnt Fracking ab.

"Die Debatte über Fracking ist sehr emotional"
Daniel Yergin

Yergin: Ich kenne die Bedenken. Ich selbst habe Präsident Obama in diesen Fragen beraten. Aber unser Expertengremium sieht nach langen Beratungen nur eine sehr, sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass die geringen Mengen der eingebrachten Chemikalien in Kontakt mit dem Grundwasser kommen könnten. Außerdem sind diese Chemikalien seit Jahrzehnten weltweit erprobt und im Einsatz. Die Debatte über Fracking ist sehr emotional und es fehlt an Aufklärung.

ZEIT ONLINE: Vielleicht kennen die Kritiker nicht jedes Detail. Aber vielen Menschen ist es wichtig, sich gegen Risiken zu schützen, selbst wenn sie gering sein mögen.

 Yergin: Aber Fracking ist eine hochregulierte Technologie. Ich halte es für sinnvoll, die Förderung in einem kontrollierten Prozess zu beginnen. Aktuell gibt es zwar viele Meinungen, aber keine empirischen Fakten. Pilotprojekte könnten helfen, das zu ändern. 

ZEIT ONLINE: Was spricht für Fracking?

Yergin: Um es klar zu sagen: Deutschland hat die Wahl zwischen Fracking und Kohle, um die Schwankungen des Ökostroms auszugleichen. Wählen Sie die Kohle, bringt das höhere CO2-Emissionen. Das Ziel der Energiewende ist doch, die Erneuerbaren zu stärken und eine CO2-arme Wirtschaft aufzubauen, und zudem konkurrenzfähige Energiepreise zu haben. Die hat aber Deutschland gerade nicht. Ohne eine starke Wirtschaft schafft Deutschland die Energiewende nicht.