Der Mann könnte eigentlich in sich ruhen. Herbert Reul hat in den vergangenen Jahren in Brüssel eine erstaunliche Karriere gemacht. Seit einem Jahrzehnt ist er Abgeordneter im Europaparlament, er ist dort zum Chef der deutschen CDU/CSU-Gruppe aufgestiegen und er hat in allen europäisch brisanten Fragen mitgeredet, die den deutschen Koalitionsvertrag betrafen.

Nun aber hat Reul Angst. Er fürchtet ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Richter wollen am Mittwoch verkünden, ob die vom Bundestag beschlossene drei-Prozent-Hürde für Europawahlen rechtens ist – oder ob es gar keine Sperrklausel mehr geben sollte für Parteien, die Ende Mai in das Parlament einziehen wollen. "Dieses Urteil entscheidet, ob wir künftig handlungsfähig sind in Brüssel oder nicht", sagt Reul.

Sich einer Wahl zu stellen, ist für Politiker so selbstverständlich wie für den Vorstandschef zur Hauptversammlung seiner Aktionäre zu gehen. Doch in diesem Jahr hört man auf Brüsseler Fluren Unbehagen. Europas Abgeordnete fürchten nicht nur, dass die Eurokrise die Politikverdrossenheit verstärkt hat, sondern auch, dass wieder weniger zur Wahl gehen. Zuletzt, im Jahr 2009, waren es in Deutschland 43 Prozent (das entsprach fast exakt dem Schnitt der gesamten EU). Je weniger jedoch zur Wahl gehen, desto eher können andere Parteien auftrumpfen, allen voran die Rechtspopulisten in Frankreich und den Niederlanden. Aber auch die Alternative für Deutschland (AfD) hat Chancen auf den Einzug ins Parlament, vor allem dann, wenn die Richter in Karlsruhe für die Einführung der drei Prozent Hürde votieren. Derzeit liegt die AfD in verschiedenen Umfragen sogar knapp über fünf Prozent. 

Tatsächlich war der Ausgang der Europawahl noch nie so ungewiss und vor allem so knapp wie in diesem Jahr. Den jüngsten Auswertungen von Pollwatch2014 zufolge wird es weder für die Konservativen noch für die Sozialdemokraten zur Mehrheit reichen. Demnach kämen die Sozialisten und Demokraten auf 221 Sitze und die Europäische Volkspartei auf 202. Die liberale Alde würde 64 Sitze bekommen, die Linken 56 und die Grünen kämen auf 44 Sitze. Solche Umfragen sind nicht viel mehr als ein Stimmungsbild, da erwartete Ergebnisse aus 28 Mitgliedsstaaten hochgerechnet werden müssen.

Doch klar scheint: Mit den üblichen Koalitionen ist es unmöglich, die nötige Mehrheit von 376 Sitzen im 751-Sitze-starken Parlament zu bekommen. Eine Stärkung kleiner Fraktionen – wie es ein Urteil für die Drei-Prozent-Hürde zur Folge hätte, würde die Bildung einer großen Koalition auf europäischer Ebene zusätzlich wahrscheinlicher machen. Das Image der EU würde darunter weiter leiden, glaubt Reul: "Europa braucht den politischen Streit, eine große Koalition würde uns aber viel zu oft zum Konsens zwingen."

Wer ist für die Krise verantwortlich?

Den politischen Streit erzwingen, das will auch Udo Bullmann. Er ist Vorsitzender der deutschen Sozialdemokraten im EU-Parlament. "Wir müssen den Wählern Alternativen aufzeigen, das ist eine einmalige Chance", sagt er. Angemessene Mindestlöhne in jedem Land, Bekämpfung von Steuerflucht und Lohndumping und eine Politik für Wachstum und Beschäftigung, die die Jugendarbeitslosigkeit wirkungsvoll bekämpft. Mit diesen Forderungen wollen sich Bullmann und die SPD von der bisherigen Politik der konservativen Parlamentsmehrheit unterscheiden.

Doch die Sozialdemokraten und die Abgeordneten der Europäischen Volkspartei eint ein Problem: Beide sind, wo immer sie in der Regierung sind, für Europas Kurs der vergangenen Jahre mitverantwortlich – und haben sich damit nicht beliebt gemacht. Überall dort, wo schmerzhafte Reformen angepackt wurden, sind die Regierungen für diese Politik abgestraft und abgewählt worden.