Die Zeit drängt: Gerade erst haben die Musiker von Kasalla den letzten Akkord gespielt. Die Band steht noch winkend auf der Bühne, während sich im Hintergrund schon vier Bühnenhelfer auf die Instrumente stürzen. Sie verpacken Keyboard und Schlagzeug in Kisten und rollen sie von der Bühne, einer sammelt die Kabel ein, ein anderer die Mikrofonständer. Weniger als eine Minute dauert der Abbau. Wenn die Musiker schnell zum nächsten Auftritt auf einer Karnevalssitzung fahren, sind die Instrumente schon längst im Transporter dorthin unterwegs.

Seit Kasalla vor drei Jahren mit dem Karnevalslied Pirate einen Hit gelandet haben, zählen die fünf jungen Musiker zu den großen Nachwuchshoffnungen im Kölner Karneval. Die Auftragsbücher sind voll. Mehr als 200 Auftritte bestreitet die Band in der Karnevalssaison, vom kleinen Dorf-Festzelt bis hin zur großen Kölner Arena vor mehr als 18.000 Zuschauern. Jetzt, in der Hochphase, spielt die Band bis zu acht Auftritte pro Abend – an sieben Tagen in der Woche. "Da ist jede Minute verplant und alles muss wie am Schnürchen laufen", sagt Gitarrist Florian Peil.

Es ist die unbekannte Seite des Karnevals. Während die meisten Menschen ausgelassen feiern und Spaß haben, läuft hinter den Kulissen eine gut geölte Maschinerie. Sie ist bis ins kleinste Detail perfekt organisiert. Kein Wunder, dass die fünfte Jahreszeit längst zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden ist. Mehr als 460 Millionen Euro geben die Menschen alleine in Köln und Umgebung jedes Jahr für den Karneval aus, ergab eine Untersuchung der Unternehmensberatung Boston Consulting Group.

Davon profitieren viele – Brauereien, Künstler und nicht zuletzt die Stadt selbst durch Steuereinnahmen. Doch viele Karnevalsgesellschaften, vor allem die kleinen, schlagen Alarm. Sie fürchten, dass der Karneval am Ende an der eigenen Professionalität zerbrechen könnte.

Gagen so hoch wie ein Monatsgehalt

Viele Welten prallen im Karneval aufeinander. Auf der einen Seite stehen die vielen ehrenamtlichen Karnevalisten, die den Karneval am Laufen halten. Sie müssen alles selbst zahlen: von der Uniform bis hin zur Kamelle, die sie auf den Umzügen werfen. Auf der anderen Seite stehen die vielen Saalbetreiber und Künstler, die mit dem Karneval viel Geld verdienen. Für einen Auftritt verlangen die großen Bands teilweise mehr, als so mancher Angestellte in einem Monat verdient.

Prominentestes Beispiel sind die Höhner, eine Band, die weit über die Grenzen Kölns hinaus bekannt ist. Für einen 25-minütigen Auftritt sollen sie bis zu 3.100 Euro verlangen, so die Gerüchteküche. Newcomer wie Kasalla oder Cat Ballou erhalten mehr als 1.000 Euro pro Auftritt. Und Bühnenredner wie Bernd Stelter verlangen wohl 1.700 Euro pro Auftritt. Die Gagen ziehen an, manche Künstler erhöhen die Preise von Jahr zu Jahr. Für viele Karnevalsgesellschaften entwickelt sich das zu einem handfesten Problem. "Wenn sich da nicht etwas ändert, sind einige Vereine bald am Ende", sagt Johannes Kaußen, Präsident der Kölnischen Karnevalsgesellschaft von 1945 e.V.

"Auf kurz oder lang sterben die kleinen Vereine"

Die kleineren Vereine müssen bereits reagieren. In den vergangenen Jahren haben sie sich entweder gleich aufgelöst und sind mit anderen Gesellschaften fusioniert, um weiterhin Karnevalssitzungen überhaupt zu stemmen. Knapp 60.000 Euro kostet eine Prunksitzung insgesamt. Mit den Gewinnen daraus finanzieren die jecken Vereine wiederum die Teilnahme am Rosenmontagszug – die noch mal 30.000 Euro kostet. Je teurer die Künstler und die Saalmieten, desto weniger bleibt am Ende für die Vereine. Für die Vereinschefs ist es ein Dilemma: Auf die teuren Stars wie die Höhner können sie nicht einfach verzichten. Denn dann bleiben die Säle leer.

Die Künstler kennen natürlich die Diskussion. Aber wer gute Stimmung im Saal haben möchte, der müsse eben auch dafür zahlen, sagen sie. "Es ist ja nicht so, dass wir uns das Geld mit vollen Händen in die Taschen schaufeln", sagt Florian Peil von der Band Kasalla. Von der Gage müsse die Band fünf Musiker, vier Helfer und den Tontechniker bezahlen.

Der Karnevalspräsident fordert einen Fonds

Natürlich sind auch viele eingeschworene Karnevalisten nostalgisch. Früher sei das mit dem Karneval alles leichtfüßiger gewesen, weniger professionell. Die Programme wurden erst einen Monat im Voraus geplant. Heute sind die meisten Künstler bereits bis zum Jahr 2016 ausgebucht. Früher erhielt mancher Redner für seinen Auftritt 50 Mark, heute mehr als das Fünfzehnfache. Und die Künstleragenturen verlangen auch noch mal einige Prozent Provision.     

Es ist eine Entwicklung, die selbst den großen Karnevalsgesellschaften Sorgen macht – auch wenn sie selbst die Kommerzialisierung des Karnevals anheizen. Vor Beginn der Session haben sie sogar in einem Brief an die Künstler appelliert, die Gagen nicht weiter zu erhöhen. Erste Reaktionen gibt es bereits, einige Künstler haben öffentlich die Höhe der Gagen hinterfragt. "Auf kurz oder lang sterben die kleinen Vereine", sagt Erry Stoklosa von den Bläck Fööss. Es sei scheinheilig, wenn die Künstler dort auf der Bühne ständen und ihre angebliche Liebe zum Karneval und zur Stadt kundtäten.   

Karnevalspräsident Kaußen hat deshalb einen ungewöhnlichen Vorschlag gemacht. Er will einen Karnevalsfonds einrichten, in den Gastronomen, Hoteliers oder Künstleragenturen einzahlen und der die Vereine unterstützt. "Wenn jeder nur einen Prozent seiner Umsätze in diesen Fonds einzahlt, wären das bis zu fünf Millionen Euro im Jahr", rechnet Kaußen vor. Mit diesem Geld ließe sich die Arbeit der Vereine subventionieren. Und die Karnevalswelt in Köln wäre wieder heile. Ein bisschen zumindest.