Doch es gibt keinen Beweis dafür, dass Hoab und die anderen im Labor der Mine verstrahlt wurden. Der Konzern behauptet, keine Unterlagen von Mitarbeitern zu besitzen, die die Mine verlassen haben. Viele von ihnen kehren zurück zu ihren Farmen in die hintersten Ecken Namibias und haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. "Bis heute hat es noch keine bestätigten arbeitsbedingten Todesfälle gegeben", heißt es in einer Stellungnahme von Rio Tinto.

Ein paar Häuser weiter von Hoaebs hellgrünem Heim wohnt Hoseas Gaomab, sein ehemaliger Labor-Kollege. Auch Gaomab hat schwache Knochen, auch bei ihm wurde Blutarmut diagnostiziert. Gaomab ist ein schmächtiger Mann von 72 Jahren, der offensichtlich Probleme hat, sich auf den Beinen zu halten. Er trägt eine große, dicke Brille, durch die seine gutmütigen Augen vergrößert erscheinen. Die meiste Zeit sitzt er auf einem hölzernen Lehnstuhl in der Mitte seines Wohnzimmers. "Die Ärzte haben immer gesagt, alles sei in Ordnung. Sogar als ich 1993 nicht mehr gehen konnte, haben sie gesagt, alles sei okay. Sie sagen nicht die Wahrheit", sagt Gaomab.

Doch innerhalb der Rössingmine wurden bisher keine Untersuchungen durchgeführt. Lediglich eine Gruppe von Wissenschaftlern der französischen Nichtregierungsorganisation Criirad hat sich einmal in die Nähe der Mine begeben. 2012 veröffentlichte Criirad einen Bericht, in dem es heißt, um die Bergbauhalden und auf dem Parkplatz der Mine seien erhöhte radioaktive Strahlendosen gemessen worden. Das Team kam zu dem Schluss, dass diese Strahlendosen über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation liegen und damit gesundheitsschädigend sein könnten.

"Wir haben Yellowcake mit den Händen bearbeitet"

Der Medizinstudent Zaire hatte bei seinem Besuch herausgefunden, dass das Risiko, schwer zu erkranken, unter Uranminenarbeitern erhöht ist. Kurz nachdem er seine Studie publiziert hatte, wurde ihm von der namibischen Regierung die Forschungslizenz entzogen. Rio Tinto antwortete mit Gegendarstellungen und einer Gegenstudie.

Hoaeb und Gaomab erzählen, die Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen im Labor der Rössingmine seien unzureichend gewesen, vor allem in den Anfangstagen. "Wir haben den Yellowcake mit bloßem Mund durch eine Pipette gesaugt", erinnert sich Hoaeb. Yellowcake ist eine pulverige Substanz, die entsteht, wenn Uranerz zermalmt und verarbeitet wird. "Immer, wenn das Erz zermalmt wurde, war alles voller Staub."

Gaomab fügt hinzu: "In den Anfangstagen gab es noch keine Handschuhe, wir haben den Yellowcake mit den Händen bearbeitet." Das konzentrierte Uran ist die Basis für die Herstellung von nuklearem Brennstoff. Der Stoff ist gering radioaktiv. Wird er mit Schutzvorkehrungen behandelt, ist die Gefahr der Verstrahlung nicht groß.

Doch Rio Tinto bestreitet die Vorwürfe. Der Sprecher des Unternehmens, Penda Kiiyala, schreibt dazu, "seit Beginn der Operationen [wurden] Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die sich nach den international bewährtesten Methoden richten." Kiiyala verweist darauf, dass die Arbeiter einmal im Monat Urinproben abgeben müssen. "Dadurch wird sichergestellt, dass es zu keinen inneren Vergiftungen kommt." Laut Kiiyala hat jeder Angestellte Zugang zu seiner Patientenakte.

Seit zwölf Jahren krankgeschrieben

Doug Brugge, der an der US-amerikanischen Tufts-Universität öffentliche Gesundheit lehrt, schätzt die Gefahr anders ein. Allerdings sei nicht das Uran selbst das größte Problem, sondern seine Zerfallsprodukte, darunter Radon, ein Gas, das auftritt, wenn Uran abgebaut wird. "Die Tochterprodukte von Radon setzen sich in der Lunge fest", sagt Brugge. Feste Stoffe wie Uran oder Radium gelangen in den menschlichen Organismus, wenn man sie einatmet oder zu sich nimmt. "Wenn also jemand das Erz anfasst, kann es leicht durch Hand-Mund-Kontakt in den Körper gelangen. Wenn die Stoffe erst mal im System sind, kann die Strahlung sehr, sehr hoch sein."

Für Brugge gibt es keinen Zweifel, dass in der Rössingmine eine Strahlung vorhanden ist, die die Gesundheit beeinflussen kann. "Die Frage ist, ob die Probleme dieser Menschen damit zusammenhängen, und in welcher Form sie der Strahlung ausgesetzt waren. Es klingt, als müsste dringend geforscht werden."

Petrus Hoaeb hat sich entschlossen, seinen langjährigen Arbeitgeber zu verklagen. In seinem Haus sitzt Hoaeb im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Neben ihm Petrus Junior, sein Sohn, der ihn bei der Klage unterstützt. In den zwölf Jahren, in denen der Vater krankgeschrieben war, habe er versucht, zu beweisen, dass die Krankheiten Folge seiner Arbeit im Labor sind. Ohne Erfolg. Momentan verhandeln die beiden Parteien außergerichtlich über mögliche Kompensationszahlungen Rössings an Hoaeb.

Doch der Sohn will mehr. Noch am selben Tag will er in die Hauptstadt Windhoek fahren, vier, fünf Stunden entfernt, und dort den Anwalt treffen, um zu entscheiden, ob Rössings Angebot akzeptabel ist. "Aber sogar wenn es das ist", sagt er, "wir kämpfen für viele, viele Menschen. Für die, die bereits verstorben sind. Und für die, die noch leiden."

Disclaimer: Die Reportage ist im Rahmen einer Recherchereise entstanden, die teilweise von der Nichtregierungsorganisation Facing Finance finanziert wurde.