ZEIT ONLINE: Was ist jetzt nötig, um die Krise zu entschärfen?

Sachs: Die Lage ist extrem gefährlich. Aber Russland, die USA und auch die EU haben kein Interesse an einer weiteren Eskalation. Die Ukraine muss jetzt sehr genau aufpassen. Eine Regierung mit einem starken anti-russischen Zug würde den ukrainischen Interessen sehr schaden. Um ein Bild zu benutzen: Neben der Ukraine hockt ein Riese. Und zufälligerweise versorgt dieser Riese das ganze Land mit Energie und Kapital und hat auch noch eine sehr wichtige Militärbasis im Land. Deshalb: Jeder muss jetzt ganz tief durchatmen und sich klar machen, welche Interessen hier auf dem Spiel stehen.

ZEIT ONLINE: Was muss Europa unternehmen?

Sachs: Europa sollte auch sehr vorsichtig sein. Was soll das Gerede von Sanktionen, die ganzen Drohungen? Putin hat seine Soldaten in die Ukraine geschickt, aber keine Eingliederung der Krim oder Ost-Ukraine angekündigt. Das ist ein großer Unterschied. Es gibt die Möglichkeit für eine Verhandlungslösung, bei der die Grenzen der Ukraine respektiert werden.

ZEIT ONLINE: Welche wirtschaftlichen Kosten hat die Krise?

Sachs: Auf sich allein gestellt ist die ukrainische Wirtschaft kaum überlebensfähig. Der Westen liegt falsch, wenn er denkt, hier gäbe es einen tollen Preis zu gewinnen. Eine heruntergekommene Volkswirtschaft mit einem feindlich gesinnten Russland nebenan – ich würde die nicht haben wollen! Der Ausweg sind langfristige Strukturreformen mit Hilfe Russlands und Europa.

ZEIT ONLINE: Kann und will Europa das leisten?

Sachs: Ich habe nicht den Eindruck, dass Europa gerade besonders viel Geld auf der hohen Kante hat. Wenn dem so wäre, frage ich mich: Warum habt ihr das Geld nicht Griechenland oder Portugal gegeben?

ZEIT ONLINE: Russlands Wirtschaft ist zwar längst nicht so abhängig von der Ukraine wie andersherum. Aber Russland steckt auch in einer Krise, Anleger haben das Vertrauen verloren. Was kann die Regierung in Moskau dagegen tun? 

Sachs: Russlands Wirtschaft hat nur noch einen Antrieb: die Energieexporte. Allerdings ist das Potenzial für einen zweiten Antrieb da, etwa in der Luft- und Raumfahrt, Auto- oder Schwerindustrie. Diese Branchen sind derzeit noch nicht international wettbewerbsfähig. Hier müsste der Kreml ansetzen und sie gezielt fördern. Helfen könnten Partnerschaften mit Ländern wie Deutschland, die über eine High-Tech-Industrie verfügen. Davon würden nicht nur Europa und Russland profitieren, sondern auch die Ukraine als Transitland. Das Schlimmste wäre es, den Kalten Krieg wieder aufleben zu lassen.