Jeder Mensch soll gut von seiner Arbeit leben können. Das war jahrzehntelang das zentrale Argument der Gewerkschaften für einen flächendeckenden Mindestlohn. Als im Dezember die neue schwarz-rote Regierung ihren Dienst antrat, fand die Forderung erstmals Einzug in die Politik: Union und SPD vereinbarten in ihrem Koalitionsvertrag einen Mindestlohn von 8,50 Euro, gültig ab dem Jahr 2015. Sozialdemokraten jubelten über den Erfolg, die Wahrheit ist jedoch: Mit einem Stundenlohn von 8,50 Euro ist man in Deutschland Geringverdiener.

Ähnlich sieht es auch in den anderen EU-Mitgliedsstaaten mit Mindestlohn aus, wie die Infografik des Datenportals Statista zeigt: In keinem der Länder reicht der Mindestlohn aus, um mit dem Gehalt über die Niedriglohnschwelle zu rutschen. 

Diese orientiert sich am Medianlohn eines Landes, also dem mittleren Einkommen. Der Median teilt die Gehälter in zwei gleich große Gruppen: Die eine Hälfte der Gehälter liegt unter diesem Wert, die andere Hälfte darüber. Anders als der Durchschnitt lässt sich der Median nicht durch wenige hohe Werte verzerren und gilt als gutes Verteilungsmaß. Ein Arbeiter erhält laut OECD-Definition einen Niedriglohn, wenn er weniger als zwei Drittel des Medians verdient.

In Deutschland liegt der mittlere Stundenlohn laut Hans-Böckler-Stiftung bei rund 16,70 Euro – der ab nächstem Jahr geltende Mindestlohn ist also nur gut halb so hoch. Um Arbeitnehmer nicht mehr unter die derzeitige Niedriglohnschwelle rutschen zu lassen, wäre für Deutschland demnach ein gesetzlich festgelegter Stundenlohn von 11 Euro nötig. Der tatsächliche Mindestlohn liegt in Deutschland im EU-Vergleich allerdings im Mittelfeld. In Tschechien ist der Mindestlohn sogar 30 Prozent unter der nationalen Niedriglohnschwelle; in Frankreich ist er relativ gesehen am höchsten und entspricht dem nationalen Niedriglohn. 

Die absolute Höhe des Mindestlohns allein sagt wenig darüber aus, ob ein Arbeitnehmer gut oder schlecht verdient. Unternehmen in Luxemburg mussten ihren Angestellten im Jahr 2012 beispielsweise mindestens 10,41 Euro pro Arbeitsstunde bezahlen – ein Topwert in der EU. Beim prozentualen Anteil des Mindestlohns an der Niedriglohnschwelle liegt das Land dennoch auf dem vorletzten Platz, Grund ist das extrem hohe Gehaltsniveau in dem Land.