Das neue Ärztehaus auf Wilhelmsburg liegt ideal verkehrsgünstig. Die Patientenstruktur der Praxen ist trotzdem die alte.

Das Wilhelmsburger Ärztehaus liegt direkt am S-Bahnhof und der Anschluss zur Bundesstraße 4 findet sich einige hundert Meter weiter westlich. Gegenüber hat die Umweltbehörde ihren Sitz, 1.500 Menschen arbeiten dort. Neben dem Ärztehaus sind im Zuge der Internationalen Bauausstellung schicke Stadthäuser für Besserverdiener entstanden. Ein idealer Standort, sollte man meinen.

Tatsächlich ist das Wartezimmer in Stadtaus Praxis voll. Vor dem Empfang des Dermatologen im Stockwerk darunter hat sich eine lange Schlange gebildet. Es dauert ewig, bis man der Sprechstundenhilfe sein Anliegen überhaupt vortragen kann. Auch in der Hausarztpraxis unten ist reger Betrieb.    

Doch viele Patienten bedeutet nicht, dass die Praxis auch hohe Gewinne einbringt. Deshalb ist Stadtaus heute der einzige selbstständige Augenarzt im Quartier. Und deshalb gibt es dort, wo sich in Wilhelmsburg die Verkehrsströme kreuzen, keinen Ärzteboom.

Stattdessen drängeln sich die Hamburger Ärzte in den Vierteln rund um die Alster oder in Blankenese. Ein Blick in die Sozialstatistik zeigt, warum das so ist. Wilhelmsburg hat mit zehn Prozent eine der höchsten Arbeitslosenquoten unter den Hamburger Stadtteilen. Rund 23 Prozent der Bevölkerung leben hier von Hartz IV, das Durchschnittseinkommen der restlichen Steuerpflichtigen liegt bei rund 20.000 Euro. In Harvesthude, einem der gediegenen Alsterstadtteile, sind es 88.000 Euro – mehr als vier Mal so viel. Nur selten kommen in Wilhelmsburg Privatpatienten. Deshalb geht die klassische Preiskalkulation vieler Ärzte hier nicht auf, mit gesetzlichen Versicherten eine gute Basis zu schaffen und mit Privatpatienten zusätzlich Geld zu verdienen.

Das lässt viele Ärzte zögern. Denn schon mit einem Anteil von bis zu 20 Prozent an Privatpatienten kann ein Hausarzt im Jahr durchschnittlich 20.000 Euro mehr einnehmen, Fachärzte je nach Richtung bis zu 60.000 Euro, hat das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung festgestellt. 

Auch sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, sind hier nur schwer zu verkaufen. Solche Sonderleistungen, etwa Krebsvorsorgeuntersuchungen, müssen die Patienten selbst bezahlen. "Manche haben aber nicht einmal das Geld, um sich die Augentropfen zu kaufen, die sie brauchen, damit nach einer Operation das Auge nicht blind wird", sagt Stadtaus.  

Die Grafik zeigt die Verteilung der Hamburger Augenärzte nach der Kaufkraft. Weitere Arztgruppen finden Sie, wenn Sie auf das Bild klicken.


Sozialpolitisch brisant ist an dieser ungleichen Struktur, dass Ökonomen schon lange einen starken Zusammenhang zwischen Wohlstand und Gesundheit nachweisen können. Wer in Deutschland als über 50-Jähriger eher zu den Armen gehört, ist öfter krank als Menschen aus reichen Vierteln, ergab unlängst eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), die sich auf SHARE-Daten stützt, eine Langzeitbefragung von älteren Menschen in Europa.    

Zum gleichen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Zentralinstituts im Auftrag der Stadt Hamburg. Die Forscher konnten eine direkte Verbindung zwischen dem häufigeren Vorkommen der Volkskrankheiten Depression, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck und Diabetes sowie einer höheren sozialen Belastung eines Stadtteils nachweisen. In Berlin empfahlen die Autoren des im vergangenen Jahr veröffentlichten Sozialstrukturatlas aus dem gleichen Grund, die Sozialstruktur als Faktor in die ärztliche Bedarfsplanung einzubeziehen.

Die Einwohner armer Stadtteile sind nicht nur häufiger krank. Sie haben auch weniger Zugang zu Ärzten, zeigte die Untersuchung des WZB. "Wer mit seinem Einkommen nur mit Schwierigkeiten über die Runden kommt, gibt viel öfter an, einen schlechten oder sehr schlechten Zugang zum Allgemeinarzt zu bekommen", sagt Maja Adena, eine der Autorinnen der Studie.

Das Problem ist nicht nur, dass die Praxen schlecht verteilt sind, sondern auch, dass Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln Geld kosten, das viele Familien nicht haben oder nicht ausgeben wollen. Die Selbstverständlichkeit, sich im ganzen Stadtgebiet zu bewegen, nimmt außerdem ab, wenn man noch nicht lange in diesem Land lebt oder wenig gebildet ist. Und es bedarf eines gewissen Selbstbewusstseins, trotz der Sprechstundenhilfen-Antwort: "Wir nehmen leider keine Patienten mehr an" dennoch einen Termin zu bekommen.

Für die Bedarfsplaner aber ist  das nicht wichtig. Sie kennen nur eine Ordnungsgröße: die Zahl der Menschen pro Arzt. Sprachkenntnisse, die Anzahl der jungen oder alten, also eher unbeweglichen Menschen, der Bildungsstand, das Einkommen – das sind keine Parameter, die für sie eine Rolle spielen. In der wirtschaftlichen Kalkulation der Ärzte tun sie es aber doch.