Nun also auch Brüssel. Nach den USA und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) knöpft sich jetzt auch die EU-Kommission das Made in Germany vor. Die enormen Exportüberschüsse fallen der Kommission negativ auf – Berlin solle gefälligst gegensteuern. Schön und gut, dass Autos aus Wolfsburg und Stuttgart so beliebt in der Welt sind, schwingt da zwischen den Zeilen mit. Aber müssen es so viele sein?

 

Deutschland hat 2013 Waren im Wert von rund 199 Milliarden Euro mehr exportiert als importiert. Das ist nicht nur der bislang größte Exportüberschuss der deutschen Geschichte, sondern auch der größte weltweit. In Washington schlägt man schon seit Längerem Alarm: Die sogenannten Ungleichgewichte sollen ein Grund für die Finanz- und Schuldenkrise in Europa sein. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen solche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen.

Doch in der Debatte geht es nicht nur um die Sorge vor einer weiteren Krise. Im Kern stellt sich eine Grundsatzfrage: Wie frei sollen Unternehmen und Privatpersonen eigentlich über ihr tägliches Handeln entscheiden können? Kann man Investitionsentscheidungen vorschreiben? "Die hohen Exportüberschüsse sind ein Marktergebnis und spiegeln die Leistungskraft der deutschen Unternehmen wider", weist der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph M. Schmidt, die Kritik zurück. "Einige Länder machen es sich da zu leicht. Natürlich ist es mühsamer, selbst den Arbeitsmarkt zu liberalisieren oder die eigene Forschung voranzutreiben als einen internationalen Partner zu bedrängen."

"Länder mit einem Außenhandelsdefizit müssen die Ärmel hochkrempeln"

Das Problem aus Sicht von Ländern wie Frankreich ist: Jeder Golf, den Deutschland über den Rhein verkauft, sichert Arbeitsplätze in Wolfsburg – und eben nicht in französischen Fabriken. Schon 2010 hatte sich Frankreich beschwert, das exportstarke Deutschland müsse mehr im Ausland einkaufen, um die schwächeren Länder Europas stärker zu unterstützen. Nur: Warum kauft die Welt denn nicht mehr französische Produkte? "Es führt kein Weg daran vorbei: Länder mit einem Außenhandelsdefizit müssen die Ärmel hochkrempeln und ihre Strukturen reformieren", sagt Schmidt, im Hauptberuf Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Experten sehen das Problem daher nicht bei den wirtschaftlich Starken, sondern in den Krisenstaaten. So auch Jeffrey D. Sachs, einer der einflussreichsten Ökonomen der Welt. "Wir sollten uns nicht um Deutschlands Überschuss Gedanken machen, sondern Griechenlands schwache Exporte", sagt der Columbia-Professor. Auch wenn die Produkte vielfach nicht mit deutschen konkurrieren könnten: Warum exportieren die Griechen ihre Waren dann nicht stärker nach Saudi-Arabien oder die Türkei, fragt der Bestseller-Autor, den die New York Times den "wahrscheinlich wichtigsten Ökonomen der Welt" nennt. Europa, so scheint es, ist nicht für alle Europäer die beste Lösung.

Sachs ist ein höflicher Mann. Der Columbia-Professor trägt auch spätabends noch Schlips und Anzug, lässt Gesprächspartner ungern warten, antwortet geduldig auf jedes Thema. Doch wenn der UN-Sonderberater Unsinn wittert, ist es mit der Zurückhaltung vorbei. "Falsch und naiv" nennt Sachs die Kritik an Deutschland. Die Kommission, aber auch der IWF und die USA würden die Europäische Union als abgeschlossene Wirtschaftsgemeinschaft betrachten. Der Glaube, Deutschlands Handelsüberschuss ist das Defizit der anderen Euro-Länder, sei schlicht "Blödsinn": "Außerhalb Europas gibt es eine ganze Weltwirtschaft", sagt Sachs.

"Idiotische Schuldenbremse"

Auch die deutschen Unternehmen haben angesichts der Dauer-Krise längst andere Märkte ins Visier genommen. "Die Überschüsse erzielt Deutschland zunehmend mit Handelspartnern außerhalb und nicht mehr innerhalb der Euro-Zone. Das Argument, Deutschland bringe seine Euro-Partner mit seinem Exportüberschuss in Bedrängnis, trifft daher nicht zu", sagt der Wirtschaftsweise Schmidt.

Heftig widerspricht Schmidt allerdings sein Kollege Peter Bofinger. Aus Sicht des Wirtschaftsweisen aus Würzburg bremst Deutschland die Weltwirtschaft aus: "Ein Exportüberschuss bedeutet immer, dass ein Land von dem, was es im Ausland einnimmt, vergleichsweise wenig zurückfließen lässt." Bofinger fordert daher stärkere Investitionen in die Infrastruktur. So könnten Eisenbahnnetze etwa über Public-Private-Partnerships finanziert werden. Der Staat müsste selber aktiv Schulden machen – was aber durch die "idiotische Schuldenbremse" verhindert werde. "Da haben wir uns selber ein Bein gestellt."