1. Ansichten eines Zockers

Schon im Sommer vergangenen Jahres gibt Hoeneß ein widersprüchliches Bild von sich selbst ab. ZEIT-Journalisten wirft er vor: "Sie sind auf der falschen Fährte. Mich reizen keine Glücksspiele." Noch im selben Gespräch räumt er aber ein, dass es ihm eben doch nicht nur darum ging, sein Geld zu vermehren – das Zocken stand im Vordergrund: "Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele. Rücken Sie vor auf die Schlossallee, und wenn Sie über Los kommen, kassieren Sie 4.000 Euro. So war das für mich."

Grundsätzlich kann pathologische Spielsucht vor Gericht strafmildernd berücksichtigt werden. Experten bezweifeln jedoch, dass dies auch im Fall Hoeneß gilt. "Ein klinisches Kriterium für Spielsucht ist, dass der Betroffene seine bürgerliche Existenz verliert. Dass er also Schulden macht oder sogar Suizidabsichten zeigt", sagt Jörg Petry, Projektleiter für pathologisches Spielen bei der Allgemeinen Hospitalgesellschaft, ZEIT ONLINE. Dieses Kriterium greift nach Einschätzung des Psychologen im Fall Hoeneß nicht. Auch Hoeneß selbst hält sich, trotz des Monopoly-Vergleichs, nicht für spielsüchtig. Sein Sohn Florian sagt jedoch: "Die Familie sieht das ein bisschen anders."

2. Aufklärung, aber nur scheibchenweise

Hoeneß gibt sich vor dem Gericht als Mann, der reinen Tisch machen will und nichts verheimlicht: "Mir ist klar, dass mir nur absolute Steuerehrlichkeit hilft." Deshalb habe er Ende Februar alle Unterlagen zu seinen in der Schweiz getätigten Finanzgeschäften dem Gericht und den Behörden zur Verfügung gestellt. Jetzt aber kommt heraus: Offenbar wurde die entsprechende Datei schon vor über einem Jahr erstellt. Das berichtet zumindest eine Rosenheimer Steuerfahnderin.

Die "Grunddateien" der PDF-Dokumente seien aber schon am 18. Januar 2013, einen Tag nach der Selbstanzeige des Bayern-Präsidenten, erstellt worden. Hielt Hoeneß die spektakulären Daten zurück – und inszenierte sich gleichzeitig als Aufklärer? Die Verteidigung erklärte, die Datei sei nach und nach vervollständigt und erst kurz vor Prozessbeginn fertiggestellt worden.

3. Der Umfang der Straftat ist lange unklar

Über den Umfang seines Betrugs lässt der Bayern-Präsident Öffentlichkeit und Behörden monatelang im Unklaren. Bis Hoeneß vor Gericht erschien, war nur klar, dass er Steuern hinterzogen hatte. Über die genaue Höhe seiner Steuerschuld schwieg sich der Bayern-Präsident aus. Zunächst war in der Presse von 3,2 Millionen Euro die Rede, später stieg der Betrag in der Anklage noch leicht an, auf 3,55 Millionen. Spiegel Online wollte sogar noch am Tag vor dem Prozessbeginn aus Münchner Justizkreisen erfahren haben, dass der strafrechtlich relevante Betrag nur bei 800.000 liege. Damit wäre Hoeneß wohl auf jeden Fall eine Gefängnisstrafe erspart geblieben.

Doch alle lagen falsch: Der Bayern-Präsident bekannte sich überraschend zu einer Steuerschuld von über 18 Millionen Euro. Allerdings war auch das nur eine Schätzung. Eine Rosenheimer Steuerfahnderin erklärte dann am Dienstag vor Gericht, dass die tatsächliche Summe noch höher liege: Demnach schulde Hoeneß dem Fiskus sogar 23,7 Millionen Euro. Hinzu kämen außerdem weitere 2,5 Millionen aus Kapitalerträgen. Hoeneß hatte erst vergangene Woche neue Unterlagen seiner Schweizer Bank Vontobel beim Gericht eingereicht. Insgesamt liegen dem Gericht nun weitere 70.000 Seiten an Dokumenten vor, aus denen sich die aktuelle Summe von 26,2 Millionen Euro ergibt. Die Steuerfahnderin berechnete die Steuerschuld allerdings zugunsten von Hoeneß – der tatsächliche Betrag könnte also noch höher liegen.