Während die Krim-Krise heraufzog, legte die Firma Bosch den Grundstein für ein neues Werk in der russischen Industriestadt Samara. 50 Millionen Euro investiert das Unternehmen aus Schwaben in der Stadt an der Wolga. Ab 2015 sollen hier Antiblockiersysteme, Generatoren und Starter für den Automarkt produziert werden. Es ist das zweite Bosch-Werk für Kraftfahrzeugtechnik in Russland und Teil einer "langfristigen Strategie", wie es bei der Grundsteinlegung Ende Februar hieß.

Inzwischen hat Russland die Krim annektiert, der Westen setzt auf Sanktionen. Uwe Raschke, als Bosch-Geschäftsführer in Stuttgart auch für die Aktivitäten in Russland zuständig, glaubt dennoch an langfristig gute Beziehungen, Bosch plane weitere Investitionen. Die aktuelle Stimmung sei zwar "nicht gut", sagt Raschke, er hoffe, dass es nicht zu härteren Sanktionen komme.

Bosch ist nur ein Beispiel von über 6.000 – so viele deutsche Firmen machen Geschäfte in Russland. Sie fürchten die Sanktionsspirale, die sich längst dreht: Europäische Union und USA haben ihre Sanktionslisten erweitert. Washington ebnete den Weg für Maßnahmen gegen einzelne Wirtschaftszweige. 

Zu den bereits beschlossenen US-Sanktionen gehört, dass das amerikanische Vermögen der Rossija Bank eingefroren wird. Die Hausbank enger Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin teilte am Freitag mit, die Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard hätten "ohne Vorwarnung" ihre Zahlungsdienste für die Kunden der Bank eingestellt. Betroffen sei auch die hundertprozentige Tochter Sobinbank.

Die SMP Bank teilte ebenfalls mit, dass ihre Kunden nicht mehr mit ihrer Visa- oder Mastercard zahlen oder Geld am Automaten ziehen könnten. Die SMP wird von den Brüdern Arkadi und Boris Rotenberg kontrolliert, die auf der US-Sanktionsliste stehen.

Russland vor einer Rezession

Mit Reisebeschränkungen und Kontosperren könne Russland leben, sagt Chris Weafer, ehemaliger Chefstratege verschiedener russischer Banken und namhafter Landeskenner. "Härtere Sanktionen aber würden die Wirtschaft in eine Rezession führen." Das Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr um nur 1,3 Prozent gewachsen. Auch ohne Krim-Krise sähen die Aussichten kaum besser aus. Dabei sicherten Stabilität und wachsender Wohlstand bislang Putins Macht.

Mögliche weitere Sanktionsstufen beunruhigen die Wirtschaft in Europa, vor allem Deutschland unterhält enge Geschäftsbeziehungen mit Russland. Das bilaterale Handelsvolumen lag im vergangenem Jahr bei 76,5 Milliarden Euro. Die kumulierten deutschen Investitionen betrugen 16 Milliarden Euro. Deutschland liefert Autos, Maschinen, Apparate, Medikamente, Konsumgüter und vieles mehr, das Russland zur Modernisierung benötigt. Führende Wirtschaftsverbände lehnen Wirtschaftssanktionen ab. Michael Harms, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau, spricht von "Sorgen" und "schlechter Stimmung" unter den Geschäftsleuten.

In Moskau warnte Präsident Putin bereits Anfang März, dass alles miteinander verbunden und voneinander abhängig sei. "Natürlich ist es möglich einander zu schaden, doch der Schaden wird wechselseitig sein."

Die größte Sorge ist ein Lieferstopp

Einen Vorgeschmack lieferte gerade der Düsseldorfer Handelskonzern Metro. Das Unternehmen stoppte vorerst seine Pläne, seine russische Tochter-Gesellschaft an die Londoner Börse zu bringen. Der Konzern wollte bis zu einer Milliarde Euro erlösen. Nun will Metro auf bessere Bedingungen am Kapitalmarkt warten.

Die größte Angst im Westen gilt einem Lieferstopp von Gas und Öl. Russland ist der größte Energieexporteur der Welt. Europa deckt 30 Prozent seines Gasbedarfs aus dem Osten, Deutschland 40 Prozent. Gleichzeitig trägt die russische Energiewirtschaft zu mehr als der Hälfte der Staatseinnahmen bei.

Ein Wirtschaftskrieg könnte jedoch noch vielfältigere Folgen haben. Auch beim Export von Industriemetallen ist Russland führend. Russland ist weltweit der fünftgrößte Verbrauchermarkt. Für viele Branchen ist Russland ein bedeutender Wachstumsmarkt. Allein die Automobilindustrie erwartet, dass sich das Land bald um wichtigsten Absatzmarkt innerhalb Europas entwickelt. Außerdem haben russische Konzerne und Banken Verbindlichkeiten von 650 Milliarden Dollar außerhalb ihrer Heimat.

"Putin reagiert nicht auf Drohungen"

Wen Sanktionen am Ende stärker treffen, darüber gehen die Meinungen auseinander. "Europa hat erst damit begonnen, die Krise zu überwinden, es ist nicht vorteilhaft, auf die Zusammenarbeit mit den russischen Energieunternehmen zu verzichten", findet Valerij Nesterow, Analyst der russischen Sberbank. Sollte Moskau mit eigenen Sanktionen auf die Strafmaßnahmen des Westens reagieren, "wird das ein großer Verlust für Russland sein", kommentiert Natalija Orlowa, Chefökonomin der Moskauer Alfa Bank.

Im Falle einer Eskalation würde sich "Russland die eigene Industrie abstellen", sagt ein deutscher Topmanager in Moskau. "Das machen die Russen nicht." Dennoch sollte die Krise am Verhandlungstisch, statt mit Strafen gelöst werden, denn: "Putin reagiert nicht auf Drohungen." Eine Sanktionsspirale schrecke besonders ausländische Investoren ab, die noch nicht im Land aktiv seien, warnt er. "Die haben in Zukunft Angst vor Russland."

Einige Konzerne überdenken bereits ihre Pläne, andere haben in diesen Tagen geplante Geschäftsreisen storniert. Dabei ist Russlands Wirtschaft auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Moskau hatte sich in den vergangenen Jahren bemüht, berechenbarer für Investoren zu sein, sagt AHK-Chef Harms. Dieses Image werde nun "stark beschädigt". Schlimmstenfalls könne Russlands Wirtschaft unter diesem Vertrauensbruch langfristig leiden, sagt er.