Es ist so ähnlich wie in einem Fußballspiel. Dabei geht es um viel mehr. Zwei Gegner, Ankläger und Angeklagter, kämpfen gegeneinander. Es gelten bestimmte Regeln; und am Ende entscheidet der Schiedsrichter, im Prozess ein richtiger Richter, wer mehr Tore geschossen – oder wer gewonnen hat. Im Hoeneß-Prozess wegen Steuerhinterziehung wurde am Donnerstag vielleicht das letzte Spiel ausgetragen. Uli Hoeneß wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.  

Als Hoeneß morgens den Gerichtssaal betritt, ist er noch guter Dinge. Er geht gelassenen Schrittes hinter seinem Verteidiger her, setzt sich, lacht und lutscht ein Bonbon. Wahrscheinlich ist er einfach nur froh, dass es heute zu Ende geht, egal, wie das Urteil ausfällt. Er trägt wieder seine weinrote Krawatte mit den weißen Punkten, wie am ersten Tag des Prozesses. Angeblich soll es seine Glückskrawatte sein.  

Doch Staatsanwalt Achim von Engel hat ein hartes Plädoyer vorbereitet. "Herr Hoeneß verschwieg wider besseren Wissens Angaben", sagt er. Die Selbstanzeige bezeichnet er als "Schnell-Schuss", der unter dem Druck der Stern-Recherchen entstanden sei. Es hätte keinerlei Vorbereitungen gegeben. "Eine wirksame Selbstanzeige liegt nicht vor", sagt von Engel. Er geht von sieben Fällen der Steuerhinterziehung aus. Eine Bewährungsstrafe gebe es bei dieser Größenordnung nur im Fall von besonderen Milderungsgründen – und die sieht der Staatsanwalt nicht. 

Uli Hoeneß wird bei diesen Worten ganz rot im Gesicht. Besonders rot wird er, als von Engel auf den Verrat des Steuergeheimnisses durch einen Unbekannten aus der Finanzbehörde zu sprechen kommt – Hoeneß hat diesen Verrat angezeigt. Es ist sein wunder Punkt. "Satisfaktion würde er durch die Bestrafung des Täters erhalten, aber nicht durch die Nivellierung eigenen Unrechts", sagt von Engel. Unter dem Strich fordert der Staatsanwalt fünfeinhalb Jahre Haft. Hoeneß ist jetzt puterrot, die Lippen hat er fest aufeinandergepresst.

Schaschlik in der Gerichtskantine

Gelassener wird er erst wieder, als sein Verteidiger Hanns W. Feigen ein Weilchen geredet hat. Jetzt scheint Hoeneß wieder ein bisschen Hoffnung zu schöpfen. Feigen beschwört immer wieder die "Stunde Null", am 17. Januar 2013 um 8.15 Uhr, in der Hoeneß "zur Steuerehrlichkeit zurückgekehrt" sei. Es sei immer klar gewesen, dass die entscheidenden Beträge von Anfang an durch seine Berater offengelegt worden seien. Es wäre zwar besser gewesen, wenn die Berater dazu geschrieben hätten, dass sie die Jahre 2003 und 2005 zur Schätzung anmelden. Aber die "bislang verborgene Steuerquelle" sei vollkommen offengelegt. Das Verfahren müsse deshalb eingestellt werden. 

Hilfsweise, für den Fall einer Verurteilung, beantragt der Verteidiger eine Bewährungsstrafe. Im letzten Wort schließt sich Hoeneß nur seinem Verteidiger an.  

Dann muss er drei Stunden warten, bis die Entscheidung über seine Zukunft fällt. Keiner weiß, wo er die Zeit verbringt. Richter Heindl isst mittags, zwischen den Beratungen, Schaschlik in der Gerichtskantine. Die Journalisten verbringen die Zeit auf den ihnen zugeteilten Gerichtsfluren und spekulieren wild über das Strafmaß. Alles scheint völlig offen.

Millioneneinkünfte sind Hoeneß unangenehm

Dann wird es ernst. Gegen 14 Uhr betritt Hoeneß den Gerichtssaal, stellt sich hinter den Stuhl und trommelt mit den Fingern leicht auf der Lehne. Einmal huscht sogar der Anflug eines Lächelns über sein Gesicht. Er wirkt ein bisschen wie in der Früh. Vielleicht denkt er: Gleich ist alles vorbei. 

Um 14.07 Uhr betritt die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II zum letzten Mal in diesem Prozess den Gerichtssaal. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es. Alle blicken auf die Lippen des Vorsitzenden Richters Rupert Heindl. "Im Namen des Volkes verkünde ich folgendes Urteil", sagt er. "Der Angeklagte Ulrich Hoeneß ist schuldig der Steuerhinterziehung in sieben Fällen. Er wird hierfür zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt." Hoeneß wird wieder rot, er presst die Lippen zusammen. Sonst verzieht er keine Miene, schaut auch nicht zu seiner Frau Susi, die das Publikum immer nur von hinten sieht. Hoeneß steht wie ein Zinnsoldat. 

Während der ganzen Urteilsbegründung, die etwa 40 Minuten dauern wird, sitzt Hoeneß stumm und starr auf seinem Stuhl. Richtig angespannt wird Hoeneß aber, als Heindl noch einmal die einzelnen Hinterziehungsjahre samt Einkommen und Hinterziehungsbetrag nennt. So war es schon am zweiten Prozesstag, als die Rosenheimer Steuerfahnderin detailliert die jährlichen Millionensummen seines Einkommens aufschlüsselte. Diese konkreten Kontodaten sind Hoeneß fürchterlich unangenehm. Wahrscheinlich weil er um deren Außenwirkung weiß. Schließlich sind auch Hartz-IV-Empfänger und Kleinverdiener Fans des FC Bayern